75 Jahre Insassen- und Partnerschutz bei Mercedes-Benz

Vor 75 Jahren begann mit dem Eintritt von Béla Barényi in die damalige Daimler-Benz AG ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Fahrzeugsicherheit. Zum Jubiläum trafen sich ehemalige und aktuelle Sicherheitsentwickler von Mercedes-Benz aus verschiedenen Epochen der Fahrzeugsicherheit in der Böblinger Legendenhalle.

1939 - Start der Pkw-Sicherheitsentwicklung durch Béla Barényi
1939 – Start der Pkw-Sicherheitsentwicklung durch Béla Barényi

„Eigentlich alles” antwortet der junge Ingenieur Béla Barényi unerschrocken auf die Frage im Bewerbungsgespräch, was er denn an den aktuellen Mercedes-Benz Fahrzeugen verbessern würde. Wilhelm Haspel, zu dieser Zeit stellvertretendes Mitglied des Vorstands der Daimler-Benz AG, lässt sich vom Querdenker überzeugen und stellt den 32 Jahre alten Österreicher auf Empfehlung des damaligen Versuchsleiters der Entwicklung Karosserie, Karl Wilfert, ein. Am 1. August 1939 übernimmt Barényi die neu gegründete Abteilung für Sicherheitsentwicklung.

Vor 75 Jahren begann mit diesem Eintritt von Béla Barényi in die damalige Daimler-Benz AG ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Fahrzeugsicherheit. Mercedes-Benz hat seitdem die Sicherheitsentwicklung nachhaltig geprägt. Viele Innovationen des Unternehmens besonders auf dem Gebiet des Insassen- und Partnerschutzes haben unzählige Menschenleben gerettet.

Zum Jubiläum hat Mercedes-Benz ehemalige und aktuelle Sicherheits­entwickler aus verschiedenen Epochen der Fahrzeugsicherheit in die Böblinger Legendenhalle eingeladen. Zum spannenden Rückblick auf die ersten 75 Jahre Insassen- und Partnerschutz trafen sich unter anderem Prof. Werner Breitschwerdt, Prof. Ernst Fiala, Prof. Guntram Huber, Dr. Falk Zeidler, Hansjürgen Scholz, Dr. Luigi Brambilla sowie Karl-Heinz Baumann. Einige von ihnen haben Barényi noch persönlich kennengelernt.

Béla Barényi: Der Vater der Sicherheit

Der geniale Ingenieur Barényi (1907-1997) arbeitete von 1939 bis 1974 bei Daimler. Er war der Urheber von über 2.500 angemeldeten Patenten, viele davon zu Grundlagen der automobilen Sicherheit. Unter anderem erfand er die Sicherheitszelle, die von Knautschzonen geschützt wird.

Wegweisende Ideen hatte Béla Barényi schon früh: Schon während des Studiums in den 1920er Jahren arbeitet er am Konzept eines modernen Automobils mit Zentralrohrrahmen und luftgekühltem Boxermotor. Ab 1939 widmet sich der Ingenieur bei Mercedes-Benz der Verbesserung von Personenwagen-Karosserien. Daraus entsteht 1941 das Patent auf einen verbesserten Plattformrahmen, der durch besondere Verwindungssteifheit „Dröhn- und Schüttelerscheinungen“ minimiert.

Aus seinen Studien von Automobilen in Zellenbauweise entwickelt Barényi das Konzept der gestaltfesten Passagierzelle mit Knautschzonen. Das 1951 angemeldete Patent setzt Mercedes-Benz erstmals in der Baureihe W 111 („Heckflosse“) des Jahres 1959 um. Die Knautschzonen verformen sich bei einem Unfall und bauen kontrolliert die kinetische Energie aus der Kollision ab. Die Insassen des Wagens werden gleichzeitig von der stabilen Fahrgastzelle geschützt. Seither hat sich dieser Aufbau von Personenwagen weltweit durchgesetzt.

Erster Mercedes-Benz Crashtest am 10. September 1959
Erster Mercedes-Benz Crashtest am 10. September 1959

Auch Barényis „Sicherheitslenkwelle für Kraftfahrzeuge“ setzt sich durch. 1963 wird diese Technik patentiert, als vollständiges System hat diese Sicherheitslenkung 1976 im E-Klasse-Vorgänger W 123 Premiere. Die Idee des versenkten Scheibenwischers zum Schutz von Fußgängern braucht 28 Jahre, bis sie 1979 in der S-Klasse der Baureihe W 126 debütiert.

Seitencrash mit einer Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe 116, 1979
Seitencrash mit einer Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe 116, 1979

„Seiner Zeit stets weit voraus“: Zeitzeugen erinnern sich an Barényi

Professor Werner Breitschwerdt kam 1953 als Ingenieur zur Daimler-Benz AG, wurde 1977 Vorstand für Entwicklung und Forschung und 1983 Vorstands­vorsitzender. Von 1988 bis 1993 gehörte Professor Breitschwerdt dem Aufsichtsrat an:

„Ich kam im Jahre 1953 als Ingenieur zur Daimler-Benz AG – also zu einer Zeit, als Béla Barényi bereits einen wichtigen Höhepunkt seiner beruflichen Karriere feiern konnte: die Patentierung des Knautschzonen-Prinzips. Ich habe Barényi als einen Menschen kennengelernt, der sich vor allem durch Beharrlichkeit auszeichnete. Er hatte viele Ideen und hat sich mit großem Engagement dafür eingesetzt, dass diese Ideen auch realisiert werden. Er hatte aber auch das große Glück, bei Daimler-Benz frei arbeiten zu können. Man ließ ihm sehr viele Freiheiten – und das war richtig und notwendig, um das wichtige Thema Sicherheit in der damaligen Zeit überhaupt vorantreiben zu können. Man muss bedenken: Es war die Nachkriegszeit, als Béla Barényi seine Erfindungen machte. Da waren in Deutschland ganz andere Themen aktuell als die Automobilsicherheit – die Motorisierung stand am Anfang, man fuhr Kabinenroller oder Kleinstwagen. Und trotzdem hat man bei Daimler-Benz bereits daran gearbeitet, die künftigen Modelle sicherer zu machen. Barényi war seiner Zeit stets weit voraus.“

Professor Guntram Huber trat 1959 als Versuchsingenieur in die Daimler-Benz AG ein und wurde 1971 Hauptabteilungsleiter Entwicklung Pkw-Aufbauten. Von 1977 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1997 leitete Professor Huber diesen Bereich als Direktor:

„Als Béla Barényi seine wichtigen Erfindungen zur Automobilsicherheit machte, gab es noch keine Crashtests. Vieles basierte auf rein theoretischen Grundlagen – und auf Intuition. Er hat gesagt, wie man es machen musste, und er hatte Recht. Das war das Erstaunliche an diesem Mann. Als ich dann 1959 zu Daimler-Benz kam, wurde der erste Testschlitten für Sicherheitsversuche gebaut: eine recht einfache Konstruktion mit einem Sitz drauf, die mittels eines Flaschenzugs angetrieben wurde. Als Aufprallzone dienten uns anfangs große Konservenbüchsen aus der Kantine. Doch schon im Herbst 1959 gab es den ersten wirklichen Fahrzeug-Crashtest und wir konnten mit großer Bewunderung feststellen, dass Barényis Knautschzonen-Prinzip genauso funktionierte, wie er es Jahre zuvor auf rein theoretischer Basis berechnet hatte.“

Dr. Falk Zeidler arbeitete ab 1971 als Entwicklungsingenieur in der Mercedes Unfallforschung, deren Leitung er 1989 übernahm. 2001 wurde Dr. Zeidler Leiter Produkt- und Sicherheitsanalysen im Mercedes-Benz Technology Center:

„Ich habe selten einen Ingenieur kennengelernt, der so wissbegierig, engagiert und scharfsinnig war wie Béla Barényi. Ab 1971 war ich in der Unfallforschung von Mercedes-Benz tätig und konnte so bis zu seiner Pensionierung noch rund eineinhalb Jahre mit Barényi zusammenarbeiten. Ich erinnere mich noch genau: Als wir die ersten realen Unfallanalysen fertiggestellt und dabei erkannt hatten, dass sich das Lenkrad beim Aufprall oft anders in Richtung Innenraum bewegt, als man es bei Crashtests festgestellt hatte, sprach mich Béla Barényi an und ließ sich sehr genau berichten, was wir bei der Unfallanalyse erkannt hatten. Das Ergebnis dieses Gesprächs war schließlich ein neues Barényi-Patent zur weiteren Verbesserung der Sicherheitslenkung – diese Technik ging dann bei Mercedes-Benz 1979 in Serie.“

Aufprallversuch im Werk Sindelfingen mit einem Typ 220 Sb (W 111) mit einer Geschwindigkeit von 86 km/h auf einen Omnibus im Jahr 1962
Aufprallversuch im Werk Sindelfingen mit einem Typ 220 Sb (W 111) mit einer Geschwindigkeit von 86 km/h auf einen Omnibus im Jahr 1962

Mercedes-Benz: Schrittmacher der Sicherheit

Mercedes-Benz ist der Pionier der automobilen Sicherheit. Keine andere Automobilmarke forscht so intensiv auf diesem Gebiet und hat so viele entscheidende Innovationen auf den Markt gebracht. Seit der Erfindung des Autos im Jahr 1886 haben Mercedes-Benz und die Vorgängermarken die Entwicklung der Aktiven und Passiven Sicherheit nachhaltig geprägt und dabei immer wieder Maßstäbe gesetzt.

1900   Wilhelm Maybach entwickelt den Mercedes 35 PS als Fahrzeug mit vorbildlicher Fahrsicherheit. Dazu tragen der lange Radstand, der tiefe Schwerpunkt, der mit dem Rahmen verschraubte Motor und die breite Spur bei.

1921   Der Mercedes 28/95 PS erhält Vorderradbremsen. Die anderen Pkw-Modelle der DMG (Daimler Motoren Gesellschaft) und der Firma Benz & Cie. folgen 1923/24.

1931   Der Mercedes-Benz 170 (W 15) ist das erste Serienautomobil mit hydraulischer Bremsanlage und Einzelradaufhängung an Schwingachsen vorn und hinten.

1941   Patent Nr. 742 977 vom 23. Februar 1941 auf den von Béla Barényi entwickelten Plattformrahmen.

1945   Béla Barényi entwickelt in diesem und den folgenden Jahren die Fahrzeugstudien „Concadoro“ und „Terracruiser“. Beide Studien zählen zu den wichtigsten Arbeiten im Vorfeld der Sicherheitskarosserie in Zellenbauweise.

1949   Patent Nr. 827 905 vom 23. April 1949 auf das Sicherheits­zapfentürschloss.

1952   Patent Nr. 854 157 vom 28. Februar 1952 auf die Sicherheitskarosserie mit gestaltfester Mittelzelle und Knautschzonen. 1959 in der Mercedes-Benz Baureihe W 111 in der Serie verwirklicht.

1954   Eingelenkpendelachse mit tief liegendem Drehpunkt im Mercedes-Benz 220 a der Baureihe W 180.

1958   Patent Nr. 1 089 664 vom 2. Juli 1958 auf das Keilzapfen-Türschloss. Markteinführung als Serienausstattung 1959 in den Heckflossen-Modellen.

1959   Beginn der systematischen Unfallversuche mit Crash-Tests und Dummys.

1959   Debüt der Mercedes-Benz Baureihe W 111 („Heckflosse“) mit Sicherheitskarosserie, entschärftem Innenraum und Keilzapfen-Türschloss.

1961   Sukzessive Einführung von Scheibenbremsen und Zweikreis-Bremsanlagen in der Pkw-Modellpalette.

1966   Hans Scherenberg und Béla Barényi formulieren die bis zur Einführung von PRE-SAFE® gültige Aufteilung von aktiver und passiver Sicherheit.

1967   Sicherheitslenkung mit Teleskoplenksäule und Pralltopf im gesamten Mercedes-Benz Pkw-Programm.

1971   Im Mercedes-Benz SL der Baureihe 107 hat ein ganzes Maßnahmen­paket zur aktiven und passiven Sicherheit Premiere: kollisionsgeschützter Kraftstofftank über der Hinterachse, stark gepolstertes Armaturenbrett, deformierbare oder versenkt angeordnete Schalter und Hebel, Vierspeichen-Sicherheitslenkrad mit Pralltopf und breiter Polsterplatte, neu entwickelte Windleitprofile an den A-Säulen, großflächige Heckleuchten mit geripptem Oberflächenprofil für eine weitgehende Unempfindlichkeit gegen Verschmutzung.

1976   In der Mercedes-Benz Baureihe W 123 hat Béla Barényis 1963 patentierte „Sicherheitslenkwelle für Kraftfahrzeuge“ mit der als Wellrohr ausgebildeten Lenksäule Premiere.

1978   Das Anti-Blockier-System ABS der zweiten Generation debütiert in der S-Klasse W 116. Eine erste, noch nicht serienreife Version stellt Mercedes‑Benz bereits 1970 vor. Von 1980 an ist ABS dann in allen Modellreihen vorhanden.

1979   Die Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe W 126 berücksichtigt mit der Gabelträgerstruktur des Vorderwagens den asymmetrischen Frontalaufprall.

1981   Weltweit erster Fahrer-Airbag in der S-Klasse. Mercedes-Benz forscht seit 1968 an diesem zusätzlichen Rückhaltesystem. Von 1982 an ist der Fahrer-Airbag in allen Modellen zu haben, 1987 folgt der Beifahrer-Airbag, 1995 der Sidebag.

1982   Raumlenker-Hinterachse im Mercedes-Benz 190 (W 201).

1989   Die neuen SL-Roadster (R 129) debütieren mit einem sitzintegrierten Gurtsystem und einem bei drohendem Überschlag automatisch ausfahrenden Überrollbügel.

1995   Regensensor und Xenonlicht in der Mercedes-Benz E-Klasse der Baureihe 210.

1995   Serieneinführung des Elektronischen Stabilitäts-Programms ESP® im S‑Klasse Coupé der Baureihe 140.

1996   Mercedes-Benz führt den Bremsassistenten BAS als Weltneuheit in die Serie ein.

1997   Der Sandwichboden in der A-Klasse der Baureihe W 168 lässt bei einem Frontalcrash den Motor unter die Passagierzelle gleiten.

1998   Der Windowbag hat als Sonderausstattung in der Mercedes-Benz S‑Klasse Premiere.

1999   Premiere des Abstandsregeltempomaten DISTRONIC.

1999   Das Aktive Fahrwerk ABC (Active Body Control) hat im CL-Coupé der Baureihe C 215 Serienpremiere.

1999   Bi-Xenon-Scheinwerfer als Serienausstattung im CL-Coupé der Baureihe 215.

2001   Head-Thorax-Sidebags in den SL-Roadstern von Mercedes-Benz.

2002   Vorbeugendes Insassenschutzsystem PRE-SAFE® in der Mercedes-Benz S-Klasse, danach sukzessive auch in den anderen Baureihen.

2003   Aktives Kurvenlicht mit Bi-Xenon-Scheinwerfern (E-Klasse Baureihe 211).

2005   Das Integrale Sicherheitskonzept von Mercedes-Benz verbindet die verschiedenen Systeme der Aktiven und Passiven Sicherheit.

2005   Mercedes-Benz stellt in der S-Klasse der Baureihe W 221 verschiedene Sicherheitssysteme vor, beispielsweise die DISTRONIC PLUS, den Bremsassistenten BAS PLUS und den Nachtsicht-Assistenten.

2006   Das Intelligent Light System sorgt für eine perfekte Lichtverteilung auf der Fahrbahn entsprechend der Fahrsituation (in der E-Klasse der Baureihe 211).

2006   Premiere der PRE-SAFE® Bremse als Sonderausstattung im CL-Coupé der Baureihe 216.

2007   Premiere des Totwinkel-Assistenten als Sonderausstattung in der S‑Klasse und der CL-Klasse.

2009   Premiere des Aufmerksamkeits-Assistenten ATTENTION ASSIST in der Mercedes-Benz E-Klasse der Baureihe 212.

2009   In der überarbeiteten Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe 221 debütiert die Seitenwindstabilisierung als zusätzliche Funktion der Active Body Control (ABC). Außerdem hat das Bremssystem Torque Vectoring Brake seine Serienpremiere.

2010   Weltpremiere für den Aktiven Totwinkel- und den Aktiven Spurhalte-Assistenten in der CL-Klasse (C 216) und S-Klasse (W 221).

2011   In der B-Klasse Einführung des radarbasierten Assistenzsystems COLLISION PREVENTION ASSIST (serienmäßig).

2013   Neue und um wesentliche Funktionen erweiterte Assistenzsysteme (DISTRONIC PLUS mit Lenk-Assistent und Stop&Go Pilot, Bremsassistent BAS PLUS mit Kreuzungs-Assistent, Aktiver Spurhalte-Assistent, Adaptiver Fernlicht-Assistent Plus, Nachtsicht-Assistent Plus, ATTENTION ASSIST) in der S-Klasse. Neue PRE-SAFE® Funktionen (PRE-SAFE® Bremse, PRE-SAFE® PLUS, PRE-SAFE® Impuls), verbesserter Schutz im Fond (Gurtschlossbringer, Belt-Bag).

2013   Mercedes-Benz bringt Car-to-X-Kommunikation auf die Straße.

2014   Der QR-Code-Aufkleber, der Rettungskräften einen Direktzugriff auf die fahrzeugspezifische Rettungskarte ermöglicht, ist auch für ältere Mercedes-Benz Modelle nachrüstbar.

2014   In der Kompaktklasse-Modellfamilie kommt serienmäßig das weiterentwickelte Assistenzsystem COLLISION PREVENTION ASSIST PLUS zum Einsatz. Es erweitert die Funktionen von COLLISION PREVENTION ASSIST um eine autonome Bremsung zur Verringerung der Gefahr von Auffahrunfällen.
(Quelle: Daimler AG, „75 Jahre Insassenschutz„)

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