Wie aus „Daimler“ und „Benz“ die die „Daimler AG“ wurde Teil 4: Die Unternehmensgeschichte 1995 bis 2011

Nachdem in den 70er und 80er Jahren die „Diversifikation“ – die Ausweitung der Unternehmensaktivitäten auf möglichst viele Standbeine – die betriebswirtschaftliche Strategielehre schlechthin war, kam es Ende des letzten und Anfang dieses Jahrtausends zur Gegenbewegung. „Rückzug oder Konzentration auf das Kerngeschäft“ war aus den Vorstandsetagen zu hören! Die berühmte „New Economy“ war im Munde aller Anleger und Spekulanten, die Deutschen rissen sich um die T-Aktie und nach dem Thema Diversifizierung ist nun die „Globalisierung“ das Allheilmittel schlechthin. Das Internet beginnt seinen Siegeszug als Massenmedium, das „Global Village“ – das globale Dorf – ist in den Startlöchern und beginnt zu wachsen. Das ist das Umfeld in dem Jürgen E. Schrempp das Ruder der Mercedes-Benz AG übernimmt. Schnell setzt er, der im „integrierten Technologiekonzern“ Karriere gemacht hatte, neue Akzente. „Konzentration auf das Kerngeschäft“ war der „neue Wind“, der durch die Vorstandsetage wehte. Und so wurde bereits ein Jahr nach Schrempps Amtsantritt die AEG aufgelöst und aus dem Handelsregister gelöscht. Schrempp rückt das Fahrzeuggeschäft wieder in den Mittelpunkt des Unternehmens und schon früh wird auch die „Globalisierung“ durch Beteiligungen an Mitsubishi Motors (37%) und Hyundai Motor Company (10%) in Angriff genommen. Nach einer erneuten Reorganisation erhält der Vorstandsvorsitzende 1997 die direkte Kontrolle über alle Geschäftsfelder um Entscheidungen schneller umsetzen zu können. Im Jahr 1998 kommt es dann zur größten Industriefusion der Wirtschaftsgeschichte: Die DaimlerChrysler AG Die wichtigsten Voraussetzungen für diese Fusion waren bereits ab 1993 gelegt worden. Daimler Benz placierte damals die ersten Aktienzertifikate an der New Yorker Börste und bilanzierte ab diesem Jahr nicht mehr nach den deutschen HGB Vorschriften sondern nach den – inzwischen – international üblichen US-GAAP Richtlinien. Ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Bilanzrecht ist zum Beispiel, dass es weniger „stille Reserven“ gibt. Sind Gebäude nach dem Abschreibezeitraum nach deutschem Recht noch „1,00 DM“ wert, wird bei den US-GAAP der „Marktwert“ als Bilanzierungsgrundlage angenommen. Insgesamt sollen diese Bilanzierungsrichtlinien den realen Wert eines Unternehmens besser darstellen. Delikat war in diesem Zusammenhang auch die Rolle des IG-Metall Arbeitnehmervertreters Franz Steinkühler. Seine Familie kaufte zufällig Aktien von dem Unternehmen, dessen Aufsichtsrat (in dem er Mitglied war) die Schritte zum US-Listing beschlossen hatte… Im Jahr 2000 gründet die DaimlerChrysler AG gemeinsam mit einem französischen und einem spanischen Partner das bedeutendste Luft- und Raumfahrtunternehmen Europas, die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS, Europäische Gesellschaft für Luftverteidigung und Raumfahrt). Die DaimlerChrysler Aerospace (DASA) geht in der neuen Firma auf und es entsteht der weltweit drittgrößte Luft- und Raumfahrtkonzern. Die „DASA“ ist heute nur noch eine „Holding“, die die deutschen Anteile an der EADS hält. Nachdem man nun also die eigenen Unternehmenswerte mit allen anderen „global Playern“ vergleichen konnte, entstand die Idee, in einem größeren Verbund Geld zu sparen. Und natürlich sollten auch neue Absatzmärkte erobert werden – die Idee einer „Welt AG“ – wie sie später genannt wird – entsteht. Auch wenn es aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar ist: Die Chrysler Cooperation ist Ende der 90er Jahre sehr ertragsstark obwohl sie bereits 1979 kurz vor dem Konkurs stand. Vor dem Hintergrund eines ertragsstarken Partners beginnen im Januar 1998 erste Gespräche unter völliger Geheimhaltung. Der Deal ist bereits am 07. Mai unter Dach und Fach und wird der erstaunten Öffentlichkeit präsentiert. „Ein Zusammenschluß der Stärke“ liest man in den Kommentaren, die Fusion findet im Zuge eines Aktientausches statt, so dass kein Geld bei dieser Transaktion (Volumen: 92 Mrd. US Dollar!) fließt. Die Aktienkurse beider Unternehmen steigen (Mercedes-Benz + 12%, Chrysler +10%) nach der Bekanntgabe an. Im November 1998 nimmt die DaimlerChrysler AG den Geschäftsbetrieb auf. Sitz des Unternehmens ist Stuttgart, jedoch wird es von einer Doppelspitze aus den beiden Vorstandsvorsitzenden der bisherigen Firmen, Jürgen E.Schrempp und Robert Eaton, geführt. Der übrige Vorstand ist paritätisch besetzt. Die Vorstandssitzungen finden wechselweise in Stuttgart und in Auburn Hills bei Chrysler statt. Ende 1998 beschäftigt der Konzern 441.000 Mitarbeiter und im ersten vollen Geschäftsjahr des neuen Giganten trägt Chrysler immerhin die Hälfte des Konzernergebnisses bei. Bereits nach zwei Jahren zieht sich Robert Eaton jedoch von seinem Posten zurück, Jürgen E. Schrempp wird alleiniger Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler AG. Bei Chrysler hat sich das Blatt zu diesem Zeitpunkt bereits sichtbar gewendet. Nun rächt sich, dass man in den vergangenen Jahren wenig an die Zukunft gedacht hatte und die Produkte weder im Design noch in technischer Hinsicht (z.B. Verbrauchswerte) attraktiv waren. Die Folge waren Umsatz- und Ertragseinbrüche, die die Bilanz der „Welt AG“ erstmals belasteten. Der erste Rettungsplan für Chrysler kostet 4 Milliarden Euro, sechs Chrysler Werke werden geschlossen und 26.000 Mitarbeiter verlieren Ihren Arbeitsplatz. Dieter Zetsche heißt der neue „starke Mann“ bei Chrysler, den Schrempp im November 2000 eingesetzt hatte. In den Jahren 2002, 2004 und 2005 zeigen diese Maßnahmen und die unter der Leitung von Zetsche umgesetzten Reformen Ergebnisse, in diesen Jahren wurde wieder ein Gewinn erwirtschaftet. Für Dieter Zetsche hat diese positive Entwicklung ebenfalls Auswirkungen: Er wird ab 01.Januar 2006 neuer Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler AG. Bei Chrysler verlief das Jahr 2006 dagegen wieder katastrophal, trotz hoher Rabatte brachen die Verkäufe erneut ein. Daher kündigt Zetsche im Februar 2007 an, für Chrysler „alle Optionen zu prüfen“ und deutet damit an, wie es weiter geht. Der Vorstand seinerseits steht unter dem Druck, dass die Vertreter der Beschäftigten und die Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat allmählich fürchten, dass Chrysler den ganzen Konzern in den Abgrund reißen könnte. So kommt es dann recht schnell (2007) zum „harten“ Schnitt, DaimlerChrysler verkauft 80,1 Prozent seiner Chrysler Anteile an die Cerberus Capital Management. Die Übernahmefinanzierung übernimmt die DaimlerChrysler AG auch, um „Chrysler einen guten Start als erfolgreiches und selbstständiges Unternehmen“ zu ermöglichen. Im Oktober 2007 erfolgt dann die Umbenennung in „Daimler AG“. Der Name wurde gewählt, damit die „Unternehmens-/Konzernmarke“ klar von den Produktmarken (z.B. „Mercedes-Benz“) unterschieden werden kann. Als Randnotiz bleibt noch zu erwähnen, dass man insbesondere in und um Mannheim wenig begeistert davon war, dass Carl Benz nun endgültig aus dem Name des Konzerns verschwunden war. Hier hätte man sich den Name „Daimler-Benz AG“ gewünscht. Aber der Erfinder des Automobils schmückt dafür weiterhin die Weiterentwicklungen seines Patentes in der Marke „Mercedes-Benz“.

Da 2007 schon das Jahr der Abschiede von Beteiligungen ist, verkauft man auch 7,5 Prozent der Anteile an EADS. Auch um das deutsch-französische Kräfteverhältnis zu erhalten, hält die Daimler AG aber weiterhin 15 Prozent der Anteile. 2009 folgt dann der Endgültig letzte Akt der „Hochzeit im Himmel“ (wie Schrempp einst sagte…), die Daimler AG verkauft die restlichen Anteile an Chrysler und verzichtet auf die Rückzahlung der an Chrysler ausgeliehenen Kredite, die in der Bilanz 2008 bereits vollständig abgeschrieben wurden. Damit endet eine der wohl teuersten Erfahrungen in der Industriegeschichte…. Bei Chrysler stieg in der Folgezeit der Fiat-Konzern ein, der in Europa Chrysler mit Lancia zusammenlegt. Damit verschwindet auch der Markenname „Chrysler“ aus Europa. Die Daimler AG – der Konzern heute Mercedes-Benz Cars, Daimler Trucks, Mercedes-Benz Vans, Daimler Buses und Daimler Financial Services sind die Geschäftsfelder, in denen die Daimler AG heute tätig ist. Sie alle beschäftigen sich mit dem Thema „Mobilität“ und natürlich mit dem Vertrieb dieser Produkte, wozu heute ein Finanzierungs- Leasing und Versicherungsangebot gehört. Die Daimler AG ist damit einer der größten Anbieter im PKW-Premiumsegment und der größte weltweit aufgestellte Nutzfahrzeughersteller. Daimler baut und vertreibt Fahrzeuge, die mit innovativer Technologie und Sicherheitstechnik die Kunden faszinieren und begeistern sollen. Damit ist das traditionelle Geschäftsfeld von Daimler, Benz, Mercedes-Benz und Daimler-Benz wieder eingekehrt. Unter Zetsche gelingt es dem Konzern auch, sich auf dem chinesischen Markt durch Partnerschaften und Beteiligungen zu etablieren. Nach wie vor ist das für die positive Entwicklung der letzten Jahre ein wichtiger Schritt.

Von der Idee einer Fusion „geheilt“, werden nun strategische Kooperationen und Beteiligungen – etwa mit Renault und Nissan – geschlossen. Hier sollen vor allem im Kleinwagensegment Kostenvorteile entstehen. Vollständig übernommen werden Firmen, die „optisch“ sowieso schon lange zum Konzern gehören. AMG wird 100%ige Daimler Tochter, der Formel1 Motor Hersteller „Mercedes-Benz HighPerformanceEngines“ (ehemals Ilmor). An Mercedes-Benz Grand Prix hält der Daimler Konzern 45 Prozent plus eine Aktie. Am Dieselmotorenhersteller Tognum wird eine 24,4% Beteiligung gehalten. Läßt man sich noch einmal auf der Zunge zergehen, dass das die ehemaligen „Maybach Mercedes-Benz Motorenwerke, später MTU“ sind, die man 2011 für teures Geld wieder zurück kaufte, wundert sich nicht nur der Laie… Für die Zukunft strategisch interessant sind auch die Beteiligungen an Tesla Motors, am amerikanischen Brennstoffzellen-Unternehmen AFCC und das Elektromotoren-Gemeinschaftswerk mit Bosch. Egal in welche Richtung der „Antrieb der Zukunft“ geht – die Daimler AG ist in allen möglichen Richtungen an der Entwicklung beteiligt und sollte damit auch nicht auf „dem falschen Fuß“ erwischt werden. Auch am Bau des „Energiespeichers der Zukunft“ ist man über der Li-Tec GmbH beteiligt. Hier werden ab 2012 in in Europas größtem Batteriewerk Batterien auf Lithium-Ionen Basis gefertigt. Im Daimler Konzern sind Ende 2010 knapp 260.000 Mitarbeiter Beschäftigt, die Ertrags-und Umsatzzahlen steigen seit vielen Monaten ununterbrochen an, so dass eine Erwähung an dieser Stelle bereits mit den Quartalszahlen Anfang Oktober überholt wären. Die Geschichte ist damit erzählt… Welchen Einfluss Großaktionäre hatten, welche Krisen gemeistert wurden und was es zu den Marken und Tochtergesellschaften zu berichten gibt ist aber noch offen.

(Quelle und Bilder: „Unternehmensgeschichte…“ Daimler AG, Bilder „Aktienkurs“ faz.net, „doppelspitze“ welt.de, „Aktie“ chrysler.de, „Logo“ wiwo, „Trennung“ sueddeutsche.de, „Chrysler Entwicklung“ spiegel.de)

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