Wie aus „Daimler“ und „Benz“ die die „Daimler AG“ wurde Teil 6: Krisen erfolgreich gemeistert

Wenn man die aktuellen Medienberichte verfolgt, könnte man glauben, dass „der Spekulant“ eine recht junge Erscheinung ist. Ein Blick in die Daimler Geschichte zeigt aber, dass dieser Typus des „Anlegers“ schon immer ein gefährlicher war. Denn egal in welcher Epoche – dem Spekulant geht es nur um seine eigenen Interessen!

Im Gegensatz zu kurzfristigen „Shareholder Value“ Ansätzen beweist die Daimler-Benz AG während der ersten Ölkrise dagegen, dass eine langfristige Planung und Ausrichtung (im Gegensatz zum kurzfristigen, auf Quartalsberichte ausgelegten „Shareholder Value“) sowohl für seine Aktionäre als auch für die Beschäftigten eine Handlungsalternative ist, von der alle Seiten langfristig profitieren.

Selbstverständlich sind diese beiden Krisen nur beispielhaft zu verstehen, es gab deren – wie in den letzten Ausgaben immer wieder berichtet – zu jeder Phase genügend. Da aber der steigende Ölpreis und das Thema „Spekulanten“ gerade aktuell ist, passen diese Beispiel sehr gut in unsere Zeit.

„Das Auto“ ist bis zum Jahr 1925 in Deutschland ein Luxusgut. Zumindest wird es bis zu diesem Jahr mit einer „Luxussteuer“ in Höhe von 15 Prozent versehen. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und die in den Kinderschuhen befindliche erste Demokratie auf deutschem Boden, die „Weimarer Republik“ schaffen alles andere als stabile Verhältnisse, die für Investitionen und langfristige Planungen benötigt werden.

Der Markt für neue Fahrzeuge ist unter anderem deshalb in dieser Zeit schwierig, da das Militär nach dem verlorenen Krieg seine Fahrzeuge in großem Stil verkaufte. Um den relativ kleinen Markt der Neufahrzeuge kämpfen nach dem ersten Weltkrieg 86!! deutsche Hersteller.
Die schwierigen Marktbedingungen führen bei Daimler und Benz dazu, dass nun nicht mehr nur Automobile sondern auch Schreibmaschinen, Fahrräder und Möbel produziert werden.
Zusätzlich bereiten die gigantischen Inflationsraten der 1920er Jahre Probleme. Auf der einen Seite verteuern sich Einkäufe für die Rohstoffe, andererseits die Arbeiterschaft immer höhere Löhne braucht (und auch erstreikt), um überleben zu können. Streiks und Materialknappheit sind Alltagsprobleme.

Um einen einen Eindruck von den Inflationsdimensionen zu bekommen, können die Betriebskosten DMG dienen. Im Oktober 1922 liegen sie bei 500 Millionen Mark. 22,6 BILLionen sind es ein knappes Jahr später! Alleine an dieser Zahl zeigt sich, dass die Arbeiter mit dem eben erstrittenen Lohn bereits morgen nicht mehr leben konnten. Die Unternehmen konnten mit dem gerade verdienten Geld „am nächsten Tag“ keine Ware mehr bezahlen, weil die Preise eben gigantisch stiegen.
Um in dieser Zeit keiner „feindlichen“ Übernahme zum Opfer zu fallen, wurde bei Daimler und Benz das Grundkapital auf 100 Millionen Mark erhöht. Damit gehören die beiden Firmen zu den größten Industrieunternehmen in Deutschland. Durch Ausgabe von Vorzugsaáktien, die nicht verkauft werden dürfen, dafür aber 12- bzw. 16-faches Stimmrecht haben, werden die Aktien bei festen Anlegern placiert.
Die Maßnahmen kann man dahingehend als Erfolg betrachten, da die Mercedes-Benz AG im Jahr 1927 zu den 30 „überlebenden“ deutschen Autoherstellern gehörte.

Ein Spekulant setzt der Benz & Cie. schwer zu

Auf dem Weg dorthin machte ein Spekulant der „Benz & Cie.“ das Leben schwer. Ein gewisser Jakob Schapiro aus Berlin kauft bei deutschen Herstellern große Mengen an Autos zu Festpreisen. Bei Benz sind es 200 Stück. Bis diese gebaut, geliefert und bezahlt sind, ist die Geldentwertung soweit fortgeschritten, dass der Geldeingang die laufenden Kosten nicht mehr deckt. Schapiro dagegen verkauft die Modelle zu Tagespreisen und verdient damit (sehr) gut. Mit dem Gewinn kauft er Aktien der „Benz & Cie.“ unbemerkt auf. Im Jahr 1924 hält er fast die Hälfte der Aktien und versucht, durch seinen Sitz im Aufsichtsrat seine privaten Interessen durchzusetzen. Da er am liebsten Alleinverkäufer von Benz Fahrzeugen werden will, sichert er sich 30 Prozent der Produktion.

Als die 1923 eingeführte Rentenmark wieder Stabilität bringt, verschwindet die Grundlage seines Erfolges langsam, seine Wechsel platzen und er wird zahlungsunfähig. Und mit ihm wird es „eng“ für viele Hersteller, bei denen er eingekauft hat. Bei der Fusion zur „Mercedes-Benz AG“ kann Schapiro dann aus den Gremien entfernt werden.

Der Einzige Unterschied zu Spekulanten von heute besteht darin, dass er keine Derivate (Finanzprodukte) kaufte, sondern eben konkrete Produkte. Der Unterschied für die Geschädigten beseht darin, dass bis zur Erfindung des „Rettungsschirmes“ noch 87 Jahre vergehen….

Die Ölkrise

Man muss sich das aus heutiger Sicht vorstellen: Das Barrel (159 Liter) Öl kostet 5 (!!) Dollar (aktuell: 115,83 Dollar) und die Welt gerät aus den Fugen! Auf der anderen Seite muss man natürlich sehen, dass der Ölpreis von 3 Dollar (immer aufs Barrel bezogen) am 17. Oktober 1973 auf 5 Dollar und dann 1974 auf 12 Dollar angestiegen ist. Klar, für uns wäre das ein Preis, über den wir jubeln würden, aber es liegt doch eine Vervierfachung des Preises vor. Auch der Auslöser des Preisanstieges, eine Drosselung der Ölfördermenge um 5 Prozent, um die westlichen Staaten davon abzubringen, den Staat Israel im „Jom-Kippur-Krieg“ (Oktober 1973) zu´unterstützen, wäre heute nur eine Randnotitz. Also, nicht der Krieg sondern die Drosselung der Ölproduktion um 5 Prozent.

In der Folge führt die „Ölkrise“ in Deutschland zu Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Insolvenzen. Nur ein deutsches Unternehmen der Automobilbranche weist 1974 noch steigende Produktionszahlen aus: Daimler-Benz!

Und nicht nur das: Daimler-Benz investiert in dieser Phase antizyklisch in seine Produktionsstandorte und legt für die Zukunft deutlich höhere Produktionsmengen als Ziel fest. Und das, obwohl die in den USA aufkommenden Vorschriften für den Flottenverbrauch einer Marke für die „großen“ Mercedes Modelle nicht wirklich förderlich sind. Für die Einführung einer „dritten Baureihe“ (neben E-, und S-Klasse Vorläufern) werden aber Kapazitäten gebraucht. Der „190er“ (W201) wird entwickelt und später auch gebaut. Ebenso ist der erste Kombi der Marke, das W123 „T-Modell“ (heute E-Klasse Kombi) in den Startlöchern und bringt die Phantasie, was man mit den vergrößerten Produktionskapazitäten anfangen möchte.

Auch in dieser Krise dauert es noch 38 Jahre bis zur Erfindung des „Rettungsschirmes“. Die Autobauer mussten durch eigene Ideen und Innovationen aus der Krise finden – was die Daimler-Benz AG ja auch recht erfolgreich schaffte 🙂

Die weltweite „Finanz- und Wirtschaftskrise“ brachte im Jahr 2009 eine noch dramatischere Herausforderung. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg sank die Weltwirtschaftsleistung! Das hatte bisher nicht einmal die „Ölkrise“ geschafft. Bei der Daimler AG trat man auf die Kostenbremse, Boni wurden gestrichen, eine Dividende an die Aktionäre wurde nicht ausbezahlt. So schmerzlich die Schritte der Kosteneinsparung für jeden Einzelnen waren – bereits im Jahr 2010 zeigen alle ergriffenen Maßnahmen erfolge und ich kann jeden Monat von neuen Rekorden bei Umsatz und Stückzahlen berichten. Und das bereits einige Monate vor der Erfindung des „Rettungsschirmes“…

Den existierenden „Rettungsschirm“ möchte ich nicht in Frage stellen, das will ich klar unterstreichen. Aber wie die Beispiele zeigen, können Unternehmen durch Innovation und gute Planung auch selbst dazu beitragen, dass man keinen braucht. Der Ruf nach staatlicher Hilfe erinnert leider oft an die vielzitierte „Vollkaskomentalität“ (siehe im Fall „Opel“) anstelle sich auf die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren. Die Daimler AG hatte das Glück, trotz wechselhafter Geschichte mit vielen Rückschlägen, immer wieder Unternehmenslenker zu finden, die eine Antwort auf die Herausforderungen fanden. (Quelle und Bilder: „Unternehmensgeschichte…“ Daimler AG)

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