Wie aus „Daimler“ und „Benz“ die die „Daimler AG“ wurde – Teil 5: Großaktionäre haben Einfluss

Großaktionäre, „Weiße Ritter“, Skandale, Affären, die „Scheichs“ und die Maßnahmen des Konzerns – ein Katz und Maus Spiel, das man unlängst ja bei der Übernahme-„Schlacht“ um Porsche quasi live verfolgen konnte, war auch bei Daimler-Benz lange ein Thema, das die Öffentlichkeit beschäftigte.

Klar, dem Kunde, der einen Mercedes kauft, ist es relativ egal, wem die Anteile der produzierenden AG gehören. Für die Verantwortlichen, die dafür sorgen müssen, dass ein Produkt entsteht, das ein Kunde kaufen möchte, ist das schon ein anderes Thema. Neben Anteilseignern, die einfach ihre Rendite für ihr eingesetztes Kapital in Form einer Dividende haben möchten und sich über positive Kursentwicklungen freuen gibt es auch die Gruppe von Aktionären, die aktiv Einfluß auf die Geschäftspolitik haben möchten.
Da es bei diesem „Spiel“ um viel, viel Geld, Macht und Einfluß geht, sind menschliche Eitelkeiten eine große Gefahr für die Strategie und den Erfolg des Unternehmens. Auf der anderen Seite bieten Großaktionäre in turbulenten Börsenzeiten den Vorteil, dass sie bei Kursschwankunken nicht in Panik verfallen und so ein kalkulierbarer Partner sind.

Für die Daimler AG, vielmehr der Daimler-Benz AG, interessiert sich im Jahr 1952 ein gewisser Friedrich Flick, der in diesem Jahr beginnt, heimlich Aktien des Autobauers zu kaufen. Flick war 1947 im „Flick-Prozess“ (Nürnberger Fall V) unter anderem wegen Sklavenarbeit und Teilnahme an Verbrechen der SS zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Flick war einer der größten Profiteure des Rüstungsbooms im Deutschen Reich. Die veränderte politische Lage (beginnender „kalter Krieg“) führt jedoch nicht zur ursprünglich geplanten Zerschlagung des Konzerns („Deindustriealisierung, Dekartellierung) sondern nur zum Zwangsverkauf der Steinkohlegesellschaften. Und das zu üblichen Marktpreisen. Durch diesen Verkauf verfügte Flick über liquide Mittel in Höhe von rund 250 Mio. DM. Bis 1954 kauft sich Flick immer mehr Anteilsscheine ohne dass man wusste, wer für den massiven Kursanstieg (1954 verdoppelte sich der Kurs gegenüber 1953 fast) verantwortlich war.
Man wusste nur, dass jemand massiv Aktien kaufte. Das Management der Daimler-Benz AG freute sich daher, dass die Familie Quandt (ja, die kennen wir heute unter anderem als Großaktionäre bei BMW) ihre Beteiligung von 3,85% weiter ausbauen wollte. Die Familie Quandt war damals für Daimler das, was sie heute für BMW ist: Ein verläßlicher Partner, der das Management in Ruhe arbeiten läßt. Quants sollten daher quasi das Gegengewicht zum noch unbekannten Großaktionär werden – da wußte man wenigstens, mit wem man es zu tun hat.

Auf der Hauptversammlung 1955 platzte dann die Bombe. Flick hatte 25 Prozent plus eine Aktie der Stimmrechte und damit die „Sperrminorität“ erworben. Damit kann die Mercedes-Benz AG beispielsweise keine Satzungsänderung mehr ohne die Zustimmung von Flick beschließen. Flick wird – wahrscheinlich auch mit seinen Stimmen – in den Aufsichtsrat gewählt.
Die Familie Quandt hat zu dieser Zeit „nur“ 3,5 Prozent der Anteile in Besitz, stellt aber ebenfalls einen Aufsichtsrat. Quandt und Flick kaufen in den kommenden Jahren immer wieder Aktien dazu.
Einen weiteren Großaktionär, den Bremer Herman Krages, booten sie dabei gemeinsam aus. Als er seinen achtprozentigen Anteil am Kapital beiden Großaktionären zum Kauf anbietet, lehnt Flick ab und Quandt kauft – um die Anteile später untereinander aufzuteilen. Ein großes Aktienpaket kann ein Aktionär nicht ohne Kursverluste zu Geld machen – daher versucht er das gesamte Paket zum maximalen Preis an die Parteien zu verkaufen, die ihren Einfluß ausbauen möchten. Quandt kaufte, nachdem er der einzige Bieter für Krages Anteile war, deutlich billiger, als ursprünglich angeboten. Bis Anfang der 1970er Jahre stockt Quandt die Anteile auf rund 14 Prozent auf. Andererseits verhindert die Familie Quandt mit der Übernahme der Mehrheit der BMW Anteile eine Übernahme des Münchener Autobauers durch die Stuttgarter.
1974 verkauft Quandt sein Aktienpaket an einen zunächst unbekannten ausländischen Investor. Da man nicht weiß, wer es ist und was das Ziel des Kaufes ist, kommt zunächst Unruhe auf. Schließlich stellt sich heraus, dass das Scheichtum Kuweit der neue Anteilseigner ist. Beruhigung kehrt ein, nachdem Kuweit bekannt gibt, dass es keinen Posten im Aufsichtsrat anstrebt und keinen Einfluß auf die Geschäftspolitik ausüben möchte.
Als bekannt wird, dass Flick ebenfalls einen Verkauf an ein Ölförderland – den Irak – plant, nehmen die Sorgen wieder zu, dass sich „die Scheichs“ mit ihren Öl-Milliarden allmählich Einfluß in deutschen Firmen erkaufen. Die Deutsche Bank, die mit 28,5 Prozent am Unternehmen beteiligt ist, kann Flick (inzwischen 39%) aber überzeugen, einen zehnprozentigen Anteil selbst zu behalten. Die übrigen 29% übernimmt sie als „Handelsware“ um diese am Markt zu placieren. Um das operative Geschäft der Daimler-Benz AG vor „fremden“ Einflüssen zu schützen und den eigenen Einfluß zu wahren, wird 1975 die „Mercedes-Automobil-Holding AG (MAH)“ gegründet. In diese MAH werden 25% der Flick Anteile eingebracht. Der Käufer der Flick Anteile hat somit zwar
Einfluß auf das Geschäft der Holding (die die Anteile an der Daimler-Benz AG „hält, besser gesagt verwaltet), nicht aber auf die Daimler-Benz AG.
Der Verkauf von Flick an die MAH wird vom Bundeswirtschaftsministerium seinerzeit als steuerfrei eingestuft (986 Millionen wären fällig gewesen). In den 1980er Jahren wird dieser Vorgang im Zusammenhang mit der „Flick-(Parteispenden-)Affäre“ noch einmal aufgerollt. CDU, CSU, SPD und FDP und einzelne Politiker hatten hohe Geldbeträge von Flick erhalten und sich über das Parteiengesetz hinweg gesetzt. Mangelndes Unrechtsbewußtsein und große Erinnerungslücken der Parteien und Politiker machten eine Aufklärung schwierig.

Diese „MAH-Konstruktion“ besteht bis 1993. In diesem Jahr – siehe MBSLK 39/2011 – wurde das Listing in Amerika beschlossen. Für ein US-Listing muss ein gewisser Anteil an Aktien als so genannter „Free Float“ gehandelt werden, er darf also nicht im Besitz von Großaktionären sein. Die Großaktionäre Kuweit, Deutsche Bank und MAH halten zusammen weit über 50% der Aktien.
Um den „Free Float“ auf über 50 Prozent zu erhöhen, wird die MAH aufgelöst und die Aktien am freien Markt verkauft. Nachdem die „Flick-Affäre“ am Anfang der MAH steht, endet diese Holding mit dem Verdacht auf Insidergeschäften des IG Metall Vorsitzenden Franz Steinkühler, dem Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Daimler-Benz AG.

Die Deutsche Bank hat ihren Anteil in den letzten Jahren stetig abgebaut, da unter dem Vorstandsvorsitzenden Ackermann auch bei der Bank der „Rückzug aufs Kerngeschäft“ Einzug hielt. Die Deutsche Bank trennte sich von ihren Industriebeteiligungen. Im April 2009 beträgt der Anteil an der Daimler AG noch 2,5 Prozent.

Heute hat die Daimler AG rund 1,3 Millionen Aktionäre, rund zwei Drittel der Anteile sind in europäischen Händen. Großaktionäre, die zusammen aber über keine Sperrminorität verfügen (gemeinsam 16 Prozent), sind nach wie vor Kuweit und die Investmentgesellschaft Aabar Investments aus Abu Dabi.
Und wer weiß, dass er „Aabar“ schon mal gelesen hat, aber nicht mehr weiß wo, schaue mal auf den Mercedes-Formel 1 Renner (Heckflügel, seitlich). Nun wissen wir also auch, wer DAS ist…

(Quelle und Bilder: „Unternehmensgeschichte…“ Daimler AG, Bilder „MAH Aktie“ Hanseatisches Sammelkonor für historische Wertpapiere, „Friedrich Flick“ Wikipedia, „Flick-Affäre“ Wikipedia, „Familie Quandt“ Wikipedia, Bild „Friedrich Flick“ WDR)

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