Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse Teil 2: „DER“ SL: Der W198 – bekannt als „Flügeltürer“ und der W198II = 300 SL Roadster

Im Leben kommt es erstens immer anders und zweitens, als man denkt. So auch im Jahr 1953 als der – nach wie vor reine Rennwagen W194 – für weitere Renneinsätze modifiziert wird. Das „Hobel“ genannte Evolutionsmodell des W194, ist entwickelt. Das war der Teil „als man denkt“.

Gekommen ist es jedoch anders, denn der seit 1952 als US-Importeur aktive Maximilian E. Hoffmann ist fasziniert von den Rennsporterfolgen dieses Autos. Er fordert die Stuttgarter dazu auf, eine Serienversion dieses Renners zu bauen und unterstreicht diese Forderung auch mit einer größeren Bestellung (je nach Quellenangabe spricht man von 1.000! Stück).

Daimler-.Benz ist zu dieser Zeit mit Entwicklungs- und Konstruktionsaufgaben im Grunde völlig überlastet. Man muss sich noch einmal in die Zeit versetzen: Außer dem „Typ 300“, dem „Adenauer“ genannten Mercedes, gab es nach dem Krieg noch keine Neuentwicklung. Der Großteil der Serienproduktion beruht auf Modellen, die vor 1939 gebaut und entwickelt wurden.

Hier besteht also ein gewisser Handlungsdruck, etwas „Neues“ zu machen. Dennoch ist es natürlich Reizvoll auch wieder einen echten „Sportwagen“ im Programm zu haben.
Der Vorstand beschließt daher, 1953 keine Sportwagenrennen zu bestreiten und auf Basis des weiterentwickelten W194 „Evolutionsmodells“ einen Seriensportwagen zu fertigen. Die von Hoffmann bestellten Fahrzeuge sind sicherlich ein „Bonbon“, das man gerne mitgenommen hat.

Die Präsentation des neuen Sportwagens ist bereits für den Februar 1954 auf der International Motor Sports Show in New York geplant. Die intern „W194/11“ genannte Version des Rennwagens verfügt über einen 215 PS starken Sechszylindermotor mit Benzin Direkteinspritzung (man bedenke – immerhin 60 Jahre bevor das Serienstandart wird!), der nach Werksangaben bis zu 260 km/h schnell sein soll. Diesen Wert erreicht das Fahrzeug jedoch nie, der Bestwert liegt bei 252 km/h, der beste Durchschnittswert liegt bei 247,5 km/h. Dennoch sind die Fahrwerte, als der VW Käfer beispielsweise noch mit 25 PS unterwegs ist, natürlich geradezu außerirdisch.

Auch optisch kann man beim Serienmodell erkennen, dass viele Details, wie etwa die Powerdomes, vom Rennwagen übernommen werden. Im Innenraum war der W194 ja bereits als Rennwagen vollverkleidet und für damalige Rennwagen bereits sehr komfortabel.

So wird der W198 kein weichgespülter Serienwagen sondern ein Rennwagen, dessen Gene der W194/11 spendet, dem – wahrscheinlich aus reiner Zeitnot – Stoßstangen und eine etwas „rundere“ Optik verpasst werden. Man stelle sich das in der heutigen Zeit vor …

Am 6. Februar 1954 ist es dann tatsächlich so weit – der „300 SL“ wird einer von Anfang an begeisterten Weltöffentlichkeit vorgestellt. Ebenso wie die Fahrleistungen ist auch der Preis von 29.000,00 DM von einer anderen Welt. Klar, umgerechnete 14.500,00 Euro stellen für uns eher ein automobiles „Schnäppchen“ dar, laut Wikipedia (W198) würde der Preis auf heutige Kaufkraft umgerechnet 66.183 Euro entsprechen. Aber auch das trifft es noch nicht so richtig – eine „E-Klasse“ (entspricht: Typ 170) kostete damals 7.900,00 DM (aktuelle E-Klasse: ab 40.000,00 EUR), die „S-Klasse“ (entspricht: Typ 220) war ab 12.500,00 DM (S-Klasse aktuell: ab 71.500 EUR) zu haben. Der 300 SL war damit beim 3,6 fachen der E-Klasse und dem 2,3 fachen der S-Klasse. Der SLS ist mit 186.600 Euro relativ teurer als der 300 SL, der bei etwa 150.000,00 EUR liegen müsste, wenn man die Fahrzeugvergleiche heranzieht.

Der 300 SL erobert die Herzen des Publikums und der Fachpresse im Sturm. Auto, motor und sport“ merkt an: „Unter den Sportwagen unserer Zeit ist der Mercedes-Benz 300 SL der kultivierteste und zugleich der faszinierendste – ein Traum von einem Automobil.“ Die britische „Autosport“ lobt: „Der Mercedes-Benz 300 SL ist ein Wagen mit einer wundervollen äußeren Erscheinung, gepaart mit einer fast unglaublichen Leistungsfähigkeit. Seine Konstruktion und seine Fertigungsqualität sind geradezu erstklassig, das ganze Konzept stellt eine kompromisslose Verwirklichung aller neuen Ideen dar.“

Das erhoffte positive Echo auf dem US-Markt bleibt ebenfalls nicht aus: Die Zeitschrift „Road & Track“ schreibt: „Wenn ein komfortabler Innenraum mit einem bemerkenswert guten Fahrverhalten konform geht, mit geradezu unheimlicher Bodenhaftung der Räder, einer leichtgängigen und präzisen Lenkung und einer Leistung, die den besten bisher bekannten Wagen nahe kommt und sie sogar noch zu übertreffen vermag, bleibt nur eins zu sagen: ‚Der Sportwagen der Zukunft ist Wirklichkeit geworden.‘“

Erstklassige Fertigungsqualität, Sportwagen der und mit Zukunft sowie Erfolge im Motorsport – das sind die Zutaten, die sich die „High-Society“ nicht entgehen lässt. Neben den Reizen des Autos selbst, war natürlich die Klientel, welche einen 300 SL besaß, anziehend.
Zahlreiche Erfolge bei Rallyes und Sportwagenrennen lassen den Flügerltürer noch während seiner „Lebzeiten“ zur Legende werden. ‚

4,26 Millionen Dollar...

Insgesamt 30 Fahrzeuge der Baureihe W 198 I wurden in den Jahren 1955 und 1956 mit Aluminium-Leichtmetallkarosserie gebaut. Sie tragen eigene entsprechende Fahrgestellnummern, nur das erste Fahrzeug hat noch eine Stahlblechaufbau-Fahrgestellnummer. Diese Ausführung, um 130 Kilogramm leichter als die Serienausführung, stand nicht in den Preislisten, war aber ganz regulär zu ordern. Kunden mit motorsportlichen Ambitionen gehörten zu der bevorzugten Zielgruppe dieser leichteren Flügeltürer.
Nach einem Bericht des Online-Magazins „Mercedes-Fans.de“ wurde einer dieser 30 Aluminium nun wegen eines Todesfalls in den USA versteigert. Der sagenhafte Erlös dieses „eins von dreißig“ Fahrzeuges betrug — halte Dich fest — 4,26 Millionen US Dollar (Quelle: Mercedes-Fans.de, „Alu-Flügeltürer“)

Eine weitere Besonderheit ist ein Coupé mit GFK-Karosserie. Das Einzelstück, heute im Besitz der unternehmenseigenen Fahrzeugsammlung, ist an zwei Details zu identifizieren: Auf den vorderen Kotflügeln hat es zwei Leuchten mit langen Chromstreifen, wie am 220 a und 220 S verwendet. Und die Türen schließen nicht so dicht wie die Pendants aus Stahlblech oder Aluminium.

Bis 1957 verkauft Mercedes-Benz insgesamt 1.400 Coupés des Typ 300 SL an Kunden in aller Welt. Bald schon wird der W 198 I zum gesuchten Klassiker, gute Exemplare erzielen über die Jahrzehnte hinweg sehr hohe Preise. Die zeitlose Eleganz, die den 300 SL bis zum heutigen Tag eine gewaltige Faszination verströmen lässt, wird auch 1999 gewürdigt, als der Flügeltürer in einer internationalen Wahl zum „Sportwagen des Jahrhunderts“ gewählt wird.
Produktionszahlen

Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
300 SL Coupé
W 198 I
1954-1957
1.400*

* Davon 30 mit Leichtmetallaufbau, wobei das erste Fahrzeug noch eine Stahlblechaufbau-Fahrgestellnummer hat.

Die neue Offenheit: Mercedes-Benz 300 SL Roadster der Baureihe W 198 II (1957-1963)

Auch bei dieser Variante des SL hat der US-Importeur eine maßgebliche Rolle gespielt – er forderte einen „offenen“ SL seit Anfang an. Zudem war der Rennwagen im Sommer relativ heiß im Fahrgastraum, was nicht jedem gefiel.
Durch eine Änderung an der Konstruktion des Giterrohrrahmens wurde der Einbau von „normalen“ Türen möglich – und damit auch das offene 300 SL -Vergnügen. Die vom Typ 220 a bekannte Eingelenk-Pendelachse wurde in angepasster Form nun auch beim 300 SL Roadster eingebaut .Gegenüber der ursprünglichen Pendelachse des Flügeltüren-Coupés ergibt das deutlich verbesserte Fahreigenschaften.
Ab Oktober 1958 gibt es zum Preis von 1.500 DM als Sonderausstattung ein abnehmbares Coupé-Dach. Im März 1961 erhält der 300 SL Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrädern, und ab März 1962 wird ein modifizierter Motor mit Leichtmetall-Motorblock verwendet.

Eine Sonderausführung des 300 SL Roadster ist der für die Teilnahme an der amerikanischen Sportwagenmeisterschaft in zwei Exemplaren gebaute 300 SLS. Hintergrund dieser Sonderanfertigung ist der Wunsch, nach dem Produktionsanlauf des Roadsters werbewirksam an Rennen in den USA teilzunehmen. Um in der einzigen möglichen Rennsport-Kategorie nicht chancenlos zu sein, wird der serienmäßige Roadster nach allen Regeln der Kunst zum SLS (Super-Leicht-Sport) abgespeckt.
Äußerlich ist der 300 SLS an den fehlenden Stoßstangen, einer speziell geformten Cockpitabdeckung mit Lufteinlassschlitz, der schmalen Renn-Windschutzscheibe und dem Überrollbügel hinter dem Fahrersitz zu erkennen. Er gewinnt die amerikanische Sportwagenmeisterschaft in der Kategorie D mit deutlichem Vorsprung…
Die Produktion des 300 SL läuft am 8. Februar 1963 aus – und damit exakt 8 Jahre bevor ich das Licht der Welt erblicke. 🙂

Produktionszahlen

Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
300 SL Roadster
W 198 II
1957-1963
1.858*
* Roadster und Roadster mit Coupé-Dach.

Natürlich weiß ich, dass der 190 SL in der gleichen Zeit gebaut wurde – aber da er als „Vorläufer“ des SLK gilt, bekommt dieses Modell natürlich nicht den „Schattenplatz“ neben dem großen 300 SL.

(Quelle und Bilder: Daimler AG, „Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse“, „Zeitlos – 60 Jahre SL“)

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