Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse Teil 3: Verlockend und komfortabel: Mercedes-Benz 190 SL der Baureihe W 121 BII, (1955-1963)

Was die magischen Buchstaben „S“ und „L“ in Kombination bedeuten, wird allgemein als „SL = Sport Leicht“ übersetzt. Nach einem neuen Artikel zur Ausstellung „60 Jahre Mercedes-Benz SL“ wird das jedoch korrigiert: „SL“ bedeutet „Super Leicht“. Der „SLK“ ist demnach der „Super Leichte“ mit „Kurzem Radstand“.
Und damit sind wir auch schon bei der SL Baureihe, um die es heute geht. Dem W 121 BII oder „190 SL“, wie er allgemein bekannter sein dürfte. Im Jahr 1954 wird dieser SL zusammen mit dem 300 SL – dem Flügeltürer – der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Der „große Bruder“ 300 SL folgt erst 1957 als „oben ohne“ Serienmodell.
Die Jahre 1957 bis 1963 sind dann bis 1996 die einzigen Jahre in der Daimler-Nachkriegs-Geschichte. in denen es zwei Roadster gibt – einen „großen“ und einen „kleinen“. Im Jahr 1996 bekommt der „SL“ dann mit dem „SLK“ wieder einen „kleinen Bruder“. Aber – der Reihe nach…

Auch beim 190 SL/ W 121 BII (der Zusatz „BII“ dient der Unterscheidung zum Typ 180) hat der US-Importeur von Mercedes-Benz, Maximilian E. Hoffmann, seine Finger im Spiel. Neben der Serienversion des Rennwagens 300 SL fordert er vom Daimler-Benz Vorstand einen offenen Sportwagen auf den (amerikanischen) Markt zu bringen. In nur rund fünf Monaten wurden der 190 SL und der aus dem Rennwagen W194 entwickelte 300 SL entwickelt und am 6. Februar 1954 vorgestellt. Mercedes-Benz hatte seit 1935 keinen wirklichen Sportwagen im Serienprogramm und man versprach sich durch diese Modelle neue Kunden in diesem exklusiven Segment.

Für den 300 SL gab es wie in der letzten Ausgabe beschrieben im W 194 bereits eine Basis, der 190 SL musste aber in kürzester Zeit auf Basis des Typ 180 entwickelt werden.
Der Typ 180 – bekannter als „Ponton-Mercedes“ – war die „E-Klasse“ der damaligen Zeit (wonach auch die Formgebung der aktuellen E-Klasse, W 212, erinnern soll). Wenige Tage nach dem Vorstandsbeschluß entstehen die ersten Entwürfe, zwei Wochen später das erste Modell im Maßstab 1:10, nach acht Wochen das 1:1 Modell!
Das im Februar 1954 gezeigte Modell dagegen ist von einem Serienwagen noch weit entfernt – die „echte“ Produktion erfolgt erst ab 1955, die Präsentation im März 1955 in Genf.
Dennoch zeigte das öffentliche Echo der Messe 1954, dass auch dieses Auto ein Erfolg werden sollte.

Um den 190 SL einzuordnen, muss man wissen, dass sich in den 1950ern der Gattungsbegriff des „Roadsters“ ändert. Ein „Roadster“ ist bis dahin ein spartanisch ausgestattetes, zweisitziges Modell mit Steckscheiben und abnehmbaren Stoffverdeck inklusive Dachgestell. Der 190 SL wird als zweisitziges Cabriolet, als „Touren-Roadster“, als Reise- und Gebrauchsauto konzipiert denn die Komfortansprüche der Kunden sind in diesen Jahren gestiegen. Mit 77 KW (90PS), vier Zylindern, 1,8 Litern Hubraum, einer Beschleunigung von 0 bis 100 km/h in 14,5 Sekunden und einer Endgeschwindigkeit 170 km/h ist er für die damalige Zeit sehr ordentlich motorisiert, im Vergleich zum 300 SL jedoch deutlich langsamer. Das Vierzylinderaggregat hat aber bereits eine oben liegende Nockenwelle und gilt als Urvater einer ganzen Motorenfamilie. Der Benzinverbrauch wird mit recht moderaten 8,6 Litern angegeben, der 65-Liter-Tank sorgt für eine angemessene Reichweite.
Die Bodengruppe stammt vom „Ponton“, sie wurde lediglich verkürzt und angepasst. Die Fahreigenschaften werden von der Fachpresse als sehr sicher beschrieben. Dafür sorgt unter anderem die bereits aus dem Typ 220 a bekannte Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt. Die Vorderrad-Aufhängung einschließlich des Fahrschemel-Konzepts hat man aus dem Typ 180 übernommen.

Vom 190 SL gibt es drei Versionen: einen Wagen mit Stoffverdeck sowie ein Coupé mit abnehmbarem Hardtop, wahlweise mit oder ohne Stoffverdeck. Auf Wunsch kann im Fond ein dritter Sitz quer zur Fahrtrichtung untergebracht werden.
Der Bruch mit der bisherigen konventionellen Linien- und Kühlergesicht-Ausführung ist beim „SL-Styling“ inklusive Zentralstern im Kühlergril deutlich sichtbar. Ein kleines, damals revolutionäres Detail, das sich bis heute bei SL und SLK gehalten hat.

Der 190 SL kostet Februar 1955 16.500 DM bzw. 17.650 DM/17.100 DM mit Hardtop und Stoffverdeck/Hardtop. Die Preise machen die exklusive Platzierung des Fahrzeugs deutlich: Der Typ 300 SL kostet im Jahr 1954 zwar 29.000 DM und damit deutlich mehr als der 190 SL. Die Limousine des Typ 180 kostet in den Jahren 1954/55 dagegen nur 9.450 DM.
Insofern ist der SLK heute ein echtes Sonderangebot, denn er ist deutlich günstiger als die E-Klasse 🙂

1963 läuft der letzte Mercedes-Benz 190 SL aus der Fertigungshalle. Insgesamt werden 25.881 Exemplare gebaut, die meisten davon gelangen in die USA. Heute schätzt man den Bestand auf weltweit 2.000 Fahrzeuge.

Eine Sportvariante des Mercedes-Benz 190 SL

In den ersten Prospekten ist eine Sportvariante des Typ 190 SL dargestellt: Türen aus Leichtmetall, kleine Renn-Windschutzscheibe aus Plexiglas, Entfall von Verdeck, Stoßstangen, Wärmetauscher und Dämmmaterial lassen ihn nur rund 1000 Kilogramm wiegen, etwa 10 Prozent weniger als die übliche Straßenversion. Die gebaute Stückzahl ist nicht dokumentiert, nur ganz wenige Sportausführungen gelangen in Kundenhand; sie dürften zudem durch Modifizieren des Vierzylindermotors, Tieferlegen der Karosserie, Sport-Stoßdämpfer und geänderte Federn weitere Feinarbeit erfahren haben. Seinen größten Erfolg erzielt der „Sport“-190 SL im Jahr 1956 beim Sportwagen-Grand-Prix von Portugiesisch Mação, als Platz 1 vor einem Ferrari Mondial belegt. Aufgrund von Rennsportbestimmungen wird die Idee des „Sport“-190 SL allerdings nicht weiter verfolgt:

Der 190 SL in der Presse

„auto motor und sport“, Deutschland, Heft 3/1954:
„ Der Mercedes 190 SL ist ein eleganter und schneller Tourensportwagen, der sich als ganz normales Gebrauchsfahrzeug für den Alltag verwenden lässt, aber auch die Möglichkeit bietet, auf sportlichen Veranstaltungen kleineren Stils mit Erfolg benutzt zu werden. […] Wie beim 300 SL hat Mercedes auch für dieses neue Modell auf den traditionsgeheiligten Kühler verzichtet. Die sehr harmonische Vorderpartie zeigt indes, dass man eine vornehm-distinguierte Linie sehr wohl erreichen kann, ohne die Attribute der Mode sowohl wie der Zweckmäßigkeit hintanzustellen. “
„Automobil Revue“, Schweiz, Ausgabe vom 14. November 1956:
„Trotz seiner hohen Leistungen ist der 190 SL kein eigentlicher Sportwagen, sondern ein unkomplizierter, seriöser Reisewagen, der gleichsam mit allen vier Rädern fest auf dem Boden steht. Dank seiner beispielhaften Fahreigenschaften gehört er zu den ganz wenigen Fahrzeugtypen, mit denen man ohne Hast und bei voller Rücksicht auf den übrigen Verkehr höchste Durchschnittsgeschwindigkeiten in aller Sicherheit erreicht.“
„auto motor und sport“ Heft 15/1960:
„ Seinen guten Ruf verdankt der 190 SL nicht nur seinem eleganten Aussehen. sondern ebenso seiner Robustheit und Zuverlässigkeit und seinen sauberen Fahreigenschaften. Die gute Verarbeitung von Karosserie und Roadsterverdeck verdient besondere Erwähnung. “

Produktionszahlen:

Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
190 SL
W 121 B II
1955-1963
25.881*
* Roadster und Coupés.

Der bekannteste 190 SL in Deutschland…

…dürfte in den 1950er Jahren der Frankfurter Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt gehört haben. Der schwarze 190 SL mit roter Innenausstattung wurde zu ihrem Markenzeichen. Schaut man sich die Preisgestaltung des 190 SL an kann man sich vorstellen, dass dies damals für großes Aufsehen sorgte. „Das Mädchen Rosemarie“ heißt ein Film aus dem Jahr 1958, der das Leben der Nitribitt – nach damaligem Wissen – porträtiert. Rosemarie Nitribitt wurde – vermutlich – am 29.10.1957 ermordet. Das Verbrechen wurde bis heute nicht aufgeklärt.
Zahlreiche einflußreiche Freier wie Harald von Bohlen Hambach (Krupp-Familie) Harald Quandt oder Gunter Sachs sorgten und sorgen bis heute für Verschwörungstheorien aller Art.
Ein urheberrechtsfreies Bild kann ich Dir leider nicht anbieten, bei Wikipedia gibt’s jedoch genug Links auf Foto-Seiten: Rosemarie Nitribitt (Wikipedia).
Aber falls Du Dich schon gefragt hast, warum ich meinen SLK im Forum „Rosi“ oder „Rosemarie“ nenne, weißt Du nun den Grund – außen schwarz, innen rot (magmarot).

(Quelle und Bilder: Daimler AG, „Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse“)

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