Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse Teil 5: In 18 Jahren Bauzeit entstehen insgesamt 237.287 offene Zweisitzer (1971-1989)

Was waren das für Zeiten! Von der Geburt bis zum Erhalt des Führerscheins war für mich jedenfalls klar, wie ein „SL“ aussieht – denn genau in dieser Zeit wurde der R107 gebaut. Damit ist er – nach der G-Klasse – das am längsten Produzierte Modell der Mercedes-Geschichte. Zum Vergleich: In seiner 16-jährigen Modellgeschichte brachte es der SLK bereits auf drei Baureihen…
Der neue SL war aus verschiedenen Gründen nötig geworden. Zum Einen war die Bodengruppe immer noch auf Basis des „Heckflossen-Mercedes“ (W111) von 1959, zum Anderen musste man der anvisierten Zielgruppe der „Schönen und Reichen“ etwas mehr als die bisherigen Sechszylinder bieten.

Ein Achtzylinder war aber in der „Pagode“ (W113/MBSLK aktuell 06/2012) nicht unter die schmale Front des „alten“ SL.
Ganz nebenbei sollten in den USA, einem der Hauptmärkte für „offene“ Autos neue Zulassungs-/Sicherheitsbestimmungen gelten. Nicht umsonst kommen bei Porsche seit 1965 so genannte „Targa“ Modelle zum Einsatz, bei denen die Windschutzscheibe mit der B-Säule „stehen“ bleiben und nur der Teil „direkt über dem Kopf“ herausgenommen werden kann. Das hat vom Grundsatz her natürlich im Falle eines Überschlags gewaltige Vorteile für die Insassen.
Auf der entscheidenden Vorstands-Sitzung über die Ausgestaltung des neuen SL im Jahr 1968 schafft es jedoch der damalige Entwicklungschef Hans Scherenberg die Vorgesetzten zu überzeugen und den SL als offenen Roadster mit Stoffverdeck zu planen. Erstmals erhält die Baureihe auch einen neuen Buchstaben vor der Baureihennummer: Das „R“ (für Roadster) ersetzt das bisherige „W“ (für Wagen) – was uns als R170, R171 oder R172 Fans natürlich geläufiger ist. Der „R107“ ist also auf dem Weg…

Da der SL nun also ein offener Wagen werden sollte, musste man sich etwas einfallen lassen, um bei einem eventuellen Überschlag gerüstet zu sein. Viele Möglichkeiten bleiben nicht, wenn nur Frontscheibe und A-Säulen „im Wind stehen“ – daher wurden diese beiden Komponenten kräftig überarbeitet und brachten eine um 50 Prozent höhere Festigkeit als beim Vorgänger.
Zudem wurde die Windschutzscheibe nun in den Rahmen eingeklebt. Der „Dachfalltest“ wird bestanden und auch ohne Targabügel erhält er R107 eine Zulassung in den USA.

Eine weitere Besonderheit dieser Baureihe ist es, dass es auf Basis des Roadsters eine Sportcoupé-Variante gibt. Der C107 (C=Coupé) ist jedoch nicht von Anfang an geplant. Der Leiter der Sindelfinger Karosserie-Konstruktion, Karl Wilfert, entwickelt – ziemlich eigenmächtig – das Coupé und präsentiert es eines schönen Tages dem Vorstand. Dieser lehnt zwar zunächst ab, aber die Beharrlichkeit von Wilfert und ein weiterer Umstand führen dazu, dass der „SLC“, wie er genannt werden wird, auch gebaut wird:
Der SLC ist kein SL mit einen „normalen“ SL mit Blechdach, sondern ein um 30 Millimeter verlängertes Modell, das tatsächlich fünf Sitzplätze hat und damit als familientaugliches Coupé gilt. Sportcoupés von Mercedes-Benz werden normalerweise – also davor und danach – auf Basis eines viertürigen Modells gebaut, in der Oberklasse auf Basis der S-Klasse.
Ein neues „Luxus-Sport-Coupé“ wäre aber erst auf Basis des kommenden S-Klasse (W116) möglich und sinnvoll gewesen – und hätte damit bis Mitte der 1970er Jahre auf sich warten lassen.

Im April 1971 (ich bin nun zwei Monate auf der Welt 🙂 ) rollt der neue 350 SL auf die Straßen. Seine markante Front mit dem „SL-Gesicht“ (Zentralstern, kein stehender Kühler), den Breitband-Scheinwerfern und geriffelten Blinkerabdeckungen wirkt kraftvoll, die Linie der niedrigen Silhouette ist offen, geschlossen und mit Hardtop harmonisch, und der einen Hauch nach innen gewölbte Kofferraumdeckel inklusive des ebenfalls konkav gewölbten Hardtops erinnern an „Pagoden“-Zeiten. Die Breitband-Rückleuchten sind mit ihrer gerippten Oberfläche nicht nur weitgehend schmutzunempfindlich, sondern geben dem Heck einen kräftigen Touch.
Der Mut, einen „offenen“ SL zu bauen, zahlt sich bald aus, denn in den USA ist der Sportwagen sogar über mehrere Jahre hinweg das einzige dort angebotene Fahrzeug seiner Art.

Im Oktober 1971 folgt der 350 SLC (C107), der bis zur Windschutzscheibe der offenen Variante gleicht, dahinter geht wird der SLC jedoch höher und länger. Aufgrund des besseren cW Wertes erreicht der SLC die selben Fahrleistungen wie der SL, obwohl er 50 kg schwerer ist.
Das Sportcoupé wird bis 1981 gebaut, dann wird es durch das „S-Klasse Coupé“ der Baureihe W126 – demnach C 126 – abgelöst. Seinem Namen als „Sport“Coupé macht es bei zahlreichen Einsätzen in Langstreckenrennen und bei Rallyes alle Ehre.

Wie oben beschrieben, stand die Sicherheit bei dieser SL-Baureihe von Anfang an hoch im Kurs. Erstmals handelt es sich bei der Bodengruppe nicht um eine verkürzte Limousinen-Variante sondern um eine völlige Neukonstruktion. Diese hat einen geschlossenen Kardantunnel sowie kastenförmige Quer- und Längsträger, deren Besonderheit in unterschiedlichen Blechstärken liegt. Das führt zu einem sehr sorgsam definierten Knautschverhalten.

Auch im Innenraum gibt es viele Neuerungen. Das harte Armaturenbrett weicht einer schaumstoffgepolsterten Blechkonstruktion, Schalter und Hebel sind versenkt angeordnet. Ebenfalls neu ist das Vier-Speichen- Lenkrad, frisch nach den Erkenntnissen der Unfallforscher gestaltet. An den Oberflächten ist – sicher auch dem Zeitgeist entsprechend – insgesamt viel mehr Kunststoff zu sehen.
Die Sitze gibt es von Anfang an mit Kopfstützen und Sicherheitsgurten. Für Wohlbefinden sorgt eine sehr spontan reagierende Heizung, unterstützt von einer neuartigen Luftführung an den Türen.
Die in Wagenmitte eng nebeneinander angeordneten Scheibenwischer bestreichen beachtliche 70 Prozent der Scheibenfläche, liegen stets optimal im Luftstrom und heben auch bei höheren Geschwindigkeiten nicht ab.

Ab 1980 kommt noch das Anti-Blockier-System ABS, 1982 folgen Airbag und Gurtstraffer.

Neben Komfort Bedienungsfreundlichkeit ist das leicht und schnell zu bedienende Verdeck in wichtiger Erfolgsfaktor. Nur 30 Sekunden dauert das Öffnen oder Schließen.

Angesichts von runden 1,5 Tonnen „Lebendgewicht“ könnte man ab dieser Baureihe von Schwer und Luftig sprechen – wie man auf „sternzeit 107“ (Link unten) scherzhaft behauptet. Auf jeden Fall ist damit eine zukunftsweisende Grundlage beim Selbstverständnis des „SL“ entstanden.

Die Motoren habe ich versucht, in einer Tabelle zu erfassen:

Bemerkung  Zylinder
Leistung  in PS
Motortyp
 Fahrleistung: Beschleunigung 0-100 km/h
Fahrleistung:
V-max
280 SL/C
  6 185 PS M 110  10,1 s 205 km/h
ab 1975 177 PS      
300 SL/C
ab 1985 mit / ohne Kat 6 179 PS / 188 PS 9,6 s / 9,9 s 203 km/h / 200 km/h
350 SL/C
bis 1980 8 200 PS M 116  9,0 s 210 km/h
  ab 1975   194 PS      
450 SL/C*
US-Version 8 180/190 PS M 117  10,5 s/11,7 s
190 km/h
450 SL/C Europa-Version 8 225 PS M 117 8,8 s
215 km/h
450 SL/C ab 1975 8 218 PS      
 

380 SL/C
ab 1980 8 218 PS M 116 9,0 s 215 km/h
380 SL/C ab 1981 8 204 PS      
420 SL/C
ab 1985 mit/ohne Kat  8 204 PS / 218 PS M 116 8,5 s / 9,0 s
213 km/h / 205 km/h
500 SL/C
  241 PS M 117 7,8 s 225 km/h
  ab 1981 8 231 PS      
  ab 1985 mit/ohne Kat 8 245 PS / 223 PS M 117 7,3 s/ 7,8 s 225 km/h / 215 km/h  
Nur als Roadster              
560 SL
nur USA, Australien und Japan 8 231 PS M 117 7,7 s 223 km/h
Nur als Coupé:
     
450 SLC 5.0*
  8 241 PS M 117 8,5 s
225 km/h

* Motor- und Kofferraumhaube des Fahrzeugs bestehen aus Aluminium, zudem serienmäßig Leichtmetallfelgen. Äußerlich erkennbar an einem schmalen Spoiler am Heck.

Überarbeitungen der Baureihe
Ab 1980 präsentiert Mercedes-Benz den SL und SLC in aktualisierter Form. Die Innenausstattung einschließlich Lenkrad ist den Limousinen der S-Klasse der Baureihe 126 angeglichen und auch die Technik ist auf den gleichen Stand gebracht. Die seitherige Dreigang-Wandler-Automatik wird durch eine Viergang-Variante ersetzt. Die Typen 280 SL und 280 SLC erhalten ein Fünfgang-Schaltgetriebe in der Grundausstattung. Zudem gehört jetzt das Hardtop zum serienmäßigen Lieferumfang der offenen Variante. Vor allem halten jedoch die Leichtmetall-Achtzylindermotoren der S-Klasse der Baureihe 126, leicht abgewandelt, in der Baureihe 107 Einzug. Unverändert im Programm bleibt der Sechszylindermotor des Typ 280 SLC.

Alle Motoren werden ab 1985 in zwei Ausführungen angeboten, mit Abgaskatalysator und etwas geringerer Leistung sowie als sogenannte RÜF-Version (Rückrüstfahrzeug) ohne Katalysator. Die RÜF-Versionen lassen sich nachträglich, etwa wenn die flächendeckende Versorgung mit bleifreiem Benzin sichergestellt ist, mit einem Katalysator ausrüsten und sind hinsichtlich Zündung, Elektronik und Kabelsatz darauf vorbereitet.

Die Baureihe R 107 in der Presse

schreibt „auto motor und sport“ Heft 9/1971:
„ Als wesentliches Merkmal des 350 SL erwies sich der gute Federungskomfort, der durchaus mit Limousinen-Maßstäben gemessen werden kann: Bei langsamem und schnellem Fahren werden große Unebenheiten gut geschluckt und kleine so absorbiert, dass sie auch auf sehr schlechten Straßen nie störend in Erscheinung treten. “
„Road & Track“, Heft 11/1986, über den 560 SL:
„ Legendäre Qualität ist das wichtigste Pfund von Mercedes. Aber brillante Leistung und herausragendes ABS-Bremsen haben [das Fahrzeug] dieses Jahr aufgewertet. Cadillac hingegen bringt ein besseres Handling und größeren Luxus, kann aber bei Leistung und Qualität mit dem Mercedes nicht mithalten .“
„auto motor und sport“,Heft 5/1986, über den 300SL:
„Auch in Kurven zeigt der [über den neuen Motor] modifizierte SL ein Verhalten, das so gar nicht zu dem passt, wie man ihn gemeinhin einzuschätzen pflegt. Mit seiner exakten Servolenkung, sehr hohen möglichen Querbeschleunigungen und nunmehr nur geringen Lastwechselreaktionen bietet der betulich wirkende Langschnauzer ziemlich genau das, was man von einem reinrassigen Gran Turismo erwartet.“

Produktionszahlen Mercedes-Benz SL der Baureihe R 107 und SLC der Baureihe C 107

Typ
Konstruktions-bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
Roadster:
 
 
280 SL
R 107 E 28
1974-1985
25,436
300 SL
R 107 E 30
1985-1989
13,742
350 SL
R 107 E 35
1971-1980
15,304
450 SL*
R 107 E 45
1971-1980
66,298
380 SL
R 107 E 38
1980-1985
53,200
420 SL
R 107 E 42
1985-1989
2,148
500 SL
R 107 E 50
1980-1985
11,812
560 SL**
R 107 E 56
1985-1989
49,347
Gesamtzahl
 
 
237,287
 
 
 
 
Coupés:
 
 
 
280 SLC
C 107 E 28
1974-1981
10,666
350 SLC
C 107 E 35
1971-1980
13,925
380 SLC
C 107 E 38
1980-1981
3,789
450 SLC*
C 107 E 45
1972-1980
31,739
450 SLC 5.0
C 107 E 50
1977-1980
2,769
500 SLC
C 107 E 50
1980-1981
***
Gesamtzahl
 
 
62,888

* Vor März 1973 nur für Export nach Nordamerika.

** Exportmodell für Nordamerika, Japan und Australien.
*** Stückzahl in 450 SLC 5.0 enthalten.

Der R107 heute:

Insgesamt ist der Markt an guten Modellen aufgrund der hohen Stückzahlen recht gut. Die Preise sind stabil mit der Tendenz zu leichter Wertsteigerung,
Problematisch ist wie bei anderen Mercedes-Modellen dieser Baujahre, dass man oft optisch (Spoiler…) und technisch (Breitreifen, Tuning) veränderte Modelle angeboten bekommt.
Auch hier habe ich ein paar Foren gefunden, bei denen man sich zum Thema schlau machen kann: Sternzeit 107, die 107-SL-Freunde und der107 SL Club

(Quelle und Bilder: Daimler AG, „Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse“)

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