Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse Teil 7: Bühne auf für das Variodach: Mercedes-Benz SL der Baureihe R 230 (2001-2012)

Mit jeder Baureihe gibt es weniger „Geschichten“ zur Geschichte der SL-Baureihe. Anfangs mehr ein aus der Not geborenes Zufallsprodukt (W194), ein erfolgreicher Sportwagen (W198), das „Wirtschaftswunderauto“ (W113), die erste eigenständige Roadsterplattform (R107), das erste High-Tech Modell (R129) und schließlich der SL der Baureihe R230, der zum täglichen Straßebild – zumindest in der Region Stuttgart – gehört.

„Legenden“ der Vergangenheit, in denen ein mutiger Ingenieur auf eigene Faust etwas entwickelt (SLC, R107), in denen Fertigungsleiter revolutionäre Ideen einbringen (W198, „300 SL“) und verwirklichen, Zeiten in denen man kein Geld hat, um einen Motor zu entwickeln – alles das ist heute undenkbar geworden, das Unternehmen „neue SL-Baureihe “ ist ein Vorgang wie für jede andere Baureihe auch. Design, Marketing, Ingenieure und das Controlling geben die Richtung vor, die Umsetzung erfolgt diszipliniert innerhalb der festgelegten Rahmenbedingungen. Klar, das alles ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, ein Betrieb mit über 200.000 Beschäftigten muss straff organisiert sein – aber es bleibt wenig „Geschichte“ über die ich heute berichten kann.

Für ein Modell der Baureihe R230 entschieden sich in der zehnjährigen Bauzeit rund 170.000 Kunden.

Bevor der R230 im Jahr 2001 das Licht der Weltöffentlichkeit erblickte, war wohl jedem bereits klar, dass diese Baureihe ein Vario-Dach bekommen würde, wie wir es vom SLK seit 1996 kennen.
Das war nun keine Überraschung. Etwas überraschender dagegen das „Gesicht“ des R230. Natürlich hat er auch den Zentralstern und die lang gestreckte Kühlermaske – aber so ähnlich ist das beim S-Klasse-Coupé bereits zu sehen, die Lichter im „4-Augen-Design“ erinnern an die C- und E-Klasse. Zum ersten Mal hat der SL ein „Konzern-Gesicht“.

An die ruhmreichen Zeiten der SL-Rennerfolge in den 1950er Jahren trägt der R230 an den Seiten der vorderen Kotflügel Luftöffnungen, die mit schmalen, flügelähnlichen Profilen (Finnen) verziert sind. Tradition und Zukunft sollen diese Elemente vereinen.
Die gepfeilte Front wirkt dynamisch, die flache Silhouette (flache Nase, flache Frontscheibe, cW Wert 0,29, offen 0,34) unterstreicht den sportlichen Anspruch.

Das Variodach öffnet und schließt innerhalb von 16 Sekunden und ist gegenüber dem R170 weiterentwickelt: Es lässt sich noch kompakter „zusammen falten“ und zum be- oder entladen des Kofferraums bei geöffnetem Dach auch anheben.

Sensotronic Brake Control SBC und Fahrwerk mit Active Body Control ABC – Sicherheit neu definiert

Technisch bekommt der SL – egal ob Serie oder optional – alles was 2001 für Geld bei Mercedes-Benz zu haben ist. Die elektrohydraulische Bremse (Sensotronic Brake Control, SBC) erlebt im SL ihre Premiere. Ok – klingt jetzt noch nicht spektakulär, es ist aber der Einstieg in die Welt der „By Wire“ Systeme, in der Befehle von Lenkung und Pedalen nicht mehr mechanisch (z.B. über Seilzüge) sondern elektronisch (per Kabel) an die entsprechenden Aggregate übertragen werden. Das SBC ist die erste Bremse, die ein „Gefühl“ für die Fahrsituation entwickeln soll – mittels aufwendiger Sensortechnik wird beispielsweise bei einem schnellen Wechsel vom Gas- aufs Bremspedal als Indiz für eine Notsituation gewertet. Das führt dazu, dass die Bremsklötze schon mal an die Scheiben angelegt werden und der Druck beim Tritt aufs Bremspedal erhöht wird. Bis zu drei Prozent bringt dies beim Bremsweg!

Durch variable Bremskraftverteilung wird mehr Sicherheit beim Bremsen in der Kurve oder auf schwierigem Untergrund erreicht.

In Kombination mit dem aktiven Fahrwerk „ABC – Active Body Control“ werden Karosseriebewegungen oder Schleuderansätze bei Kurvenfahrt oder beim Bremsen auf ein Minimum reduziert. Das ABC-Fahrwerk hebt die Wank- und Nickbewegungen der Karosserie beim Anfahren, Kurven fahren und Bremsen fast vollständig auf. Dieses Paket elektronischer Regelsysteme leitet in den Bereichen Fahrwerk, Fahrsicherheit und Fahrdynamik eine neue Entwicklung im Automobilbau ein.
Das von Mercedes-Benz entwickelte Notrufsystem TELEAID sorgt dafür, dass Notarzt und Polizei bei einem Unfall alarmiert und mittels Satelliten-Navigation zur Unfallstelle geführt werden.

Interessant sind auch die Entwicklungen, die bei der Fahrzeugstruktur gemacht wurden. Einerseits schützt die Karosse die Insassen bei einem Offset-Frontalcrash mit 64 km/h oder einer 90-Grad-Seitenkollision, andererseits sind Front und Heck so konstruiert, dass sie bei einem Aufprall bis 15 km/h besonders reparaturfreundlich sein sollen. Optimaler Schutz bei gleichzeitigem Bedenken der Folgen einer Unachtsamkeit – sicherlich eine Kombination, die ist bis dorthin kaum gab.

Zur Serienausstattung Integralsitze mit Memoryfunktion für die elektrische Sitz- und Lenkradverstellung, die im elektronischen Zündschlüssel gespeichert Optional gibt es noch den Abstandsregel-Tempomat DISTRONIC und natürlich das Comand-System.

Sondermodelle des SL R230:

SL 350 „Mille Miglia Edition 2003“ (2003, 12 Stück):
„Silver Arrow“-Metalliclackierung, Bordkanten-Zierstäbe aus matt glänzendem Aluminium besondere Leichtmetallfelgen, „Mille Miglia“-Plaketten an den vorderen Kotflügeln, Variodach aus Glas für den Panorama-Durchblick, zweifarbige Nappaleder-Ausstattung, die Sitze im Farbton „Classicrot“, der Dachhimmel mit Alcantara, Zierelemente aus Aluminium mit matt glänzender Oberfläche.
Mille Miglia“-Logo und Streckenverlauf des 1000-Meilen-Rennens sind in die Lederbezüge der Kopfstützen eingearbeitet.

SL „Edition 50“ (2004, 550 Stück, SL 350 SL 500)
Anläßlich des Erscheinens des 300 SL im Jahr 1954. Silberne, matt lackierte Kühlermaske mit Chrom-Zierstäben, Leichtmetallräder im Turbinen-Design, abgedunkelte Heckleuchten.
Interieur: Leder-Alcantara-Kombination am Kombi-Instrument. Klimakomfortsitze mit Multikonturfunktion, mit Nappaleder, gelasertes „Edition 50“-Logo in den Kopfstützen. Zierelemente Aluminium-Dekor oder aus schwarzes Eschenholz. Lederausstattung optional zweifarbig in Condorsilber/Schwarz oder einfarbig in designo Schwarz mit Ziernähten in Quarz.
Weitere Sonderaustattung aus dem Bestellprogramm.

Die SL Baureihe „R230“ in Zahlen

Baujahre Bemerkung Zylinder
Leistung  in PS
Motortyp
 Fahrleistung: Beschleunigung 0-100 km/h
Fahrleistung:
V-max
SL 280
2008 bis 2009 6 231 PS M 272 7,5 s 250 km/h*
SL 300
2009 bis 2011 6 231 PS M 272 7,5 s 250 km/h*
SL 350 2002 bis 2006 automatisiertes Sechsganggetriebe SEQUENTRONIC mit Lenkradbedienung 245 PS M 112 7,2 s 250 km/h*
SL 350  2006 bis 2008    272 PS  M 272  6,6  250 km/h* 
SL 350  2008 bis 2011  Sportmotor wie SLK  316 PS  M 272  6,2 s  250 km/h*  
SL 500 2001 bis 2006 8 306 PS M 113 6,3 s 250 km/h*
SL 500 (USA: SL 550)  2006 bis 2011    8 387 PS M 273  5,4 s  250 km/h* 
SL 55 AMG  2001 V8 Kompressor, 700 Nm 8 476 PS M 113 4,7 s 250 km/h*
SL 55 AMG  2003 bis 2006      500 PS  M 113  4,7 s  250 km/h* 
SL 55 AMG  2006 bis 2008  V8 Kompressor, 720 Nm     517 PS  M 113  4,5 s  250 km/h* 
SL 600
2003 bis 2006 V12 Biturbo, 800 Nm 12 500 PS M 275 4,7 s
250 km/h* 
SL 600  2006 bis 2011  mit verbessertem ABC, 60% weniger Karosseriebewegungen    517 PS  M 275  4,5 s 
250 km/h* 

 

SL 63 AMG  2008 bis 2011  V8 Saugmotor, AMG Speedshift MCT  525 PS  M 156  4,6 s 

250 km/h* 

SL 65 AMG 2004 bis 2011 V 12 Biturbo, 1.000 Nm 12 612 PS M 275 4,2 s
250 km/h*
SL 65 AMG Black Series  2008 bis 2011 V12 Biturbo, 1.000 Nm, nur als Coupé 12 670 PS M 275 3,8 s 320 km/h*

*elektronisch begrenzt

2006: Erste Modellpflege der Baureihe R 230

Dezente Änderungen an der Karosserie:
Neue Stoßfänger mit drei großen Kühlluftöffnungen, stärkere Pfeilung und Nebelscheinwerfer mit Chromringen.
Der Kühlergrill hat nun drei Lamellen mit Chromauflagen und ist mattsilbern lackiert. Ebenso gibt es neue Leichtmetallräder. Heckleuchten mit rot-weißen Deckgläsern in Klarglas-Optik. Im Innenraum gab es eine weichere Narbung der Lederpolster und neue Interieurfarben.

Ab 2007 gibt es für den SL 350 und SL 500 ein Sport-Paket. Es innen ist an silberfarbenen Kontrastnähten, perforiertes Leder sowie Aluminium-Zierelemente erkennbar. Äußerlich sind Leichtmetallfelgen im Fünfspeichen-Design, silbern lackierte Bremssättel und gelochte Bremsscheiben hinten erkennbar. Außerdem hält das Automatikgetriebe 7G-TRONIC Sport mit Lenkrad-Schaltpaddles Einzug in die SL-Klasse. Abgedunkelte Heckleuchten gehören ebenfalls zum Paket.

2008: Zweite Modellpflege der Baureihe R 230

Neues Front-Design: Das „Gesicht“ passt sich der dem aktuellen Design von SLS, CLS, … an. Dieses stellt die sehr dominante Kühlermaske in den Mittelpunkt. Das kraftvolle Erscheinungsbild des SL soll damit unterstrichen werden. Powerdomes auf der Motorhaube zitieren wieder den 300 SL (oder den R170 :-))
Ein neu gestalteter Stoßfänger mit Diffusor-Optik bildet den Abschluß.
Im SL sind nun auch die Dinge erhältlich, die seit kurzer Zeit auf dem Markt sind. Die Direktlenkung, das Intelligent Light System oder der AIRSCARF können nun geordert werden.

SL 65 AMG Black Series: High-Performance-Coupé für besondere Ansprüche

2008 wird der SL 65 AMG Black Series vorgestellt. Das High-Performance-Coupé bietet reinrassige Motorsport-Technik. Die Vergleichsfahrwerte stehen in der Tabelle oben, Tempo 200 ist gar nach 11,0 Sekunden erreicht.

Formel1 Safety Car SL 63 AMG

Der SL 63 AMG kommt in den Saisons 2008 und 2009 als Official F1 Safety Car zum Einsatz. Eine Sport-Abgasanlage mit größerem Rohrdurchmesser und besonderen Endschalldämpfern lässt den Motor noch freier atmen – und noch sportlicher klingen. Das war auch nötig, sonst hätte man ihn beim Sound der F1-Rennmotoren nicht gehört…
Für weitere Fahrdynamik sorgt das AMG SPEEDSHIFT MCT 7-Gang-Sportgetriebe mit Lenkradschaltung, das Gangwechsel in 100 Millisekunden ermöglicht.
Optimale Rennstrecken-Performance ermöglicht ein speziell entwickeltes Gewindefahrwerk, das auf die jeweilige Rennstrecke angepasst werden kann.

Die Baureihe R 230 in der Presse

„auto motor und sport“, Heft 12/2004, SL 500:
„ Viel Komfort, viel Sicherheit, die gediegene Machart, eine Prise Sportlichkeit, PS à la carte, reichlich frische Luft und dazu seit jüngstem noch ein Hardtop im Kofferraum – diese seltene Mischung sichert dem Zweisitzer eine Sonderstellung, die ihn nahezu konkurrenzlos macht. “

„Autorevue“, Österreich, Heft 7/2008, SL 350: „ Klimastufen in den kühlen Abend: Erst hebt man die vorderen und hinteren Seitenscheiben, dann bittet man den Beifahrer, das Windschott […] aufzuklappen. Dann schaltet man vielleicht die Sitzlüftung aus und die Sitzheizung ein. Die Klimaanlage fächelt Basiswärme. Es folgt der Airscarf in drei Wärmestufen, dieses verführerische Warmluft-Nackengebläse (das man dann beim Wohnzimmer-Sofa vermisst). Schließlich bleibt noch die große Dachnummer in ihrer wunderbaren Anmut, und alles ist gut. “

„Road & Track“, Heft 1/2009, SL 65 AMG BS: „ Wird jemand einen SL 65 AMG Black Series für den Straßenbetrieb kaufen? Vermutlich nicht. Aber wer es täte, bekäme ein Fahrzeug, das auch auf der Straße recht zivilisiert ist. Das Fahrwerk ist straff, aber nicht übertrieben. Um das unglaubliche Können des SL Black Series wirklich zu genießen, muss man auf die Rundstrecke. Seine schiere Kraft und Geschwindigkeit, zusammen mit einem dem Zutrauen förderlichen Handling, macht ihn zu einem der erfüllendsten Supersportwagen der Welt.“

Eine Übersicht zur kompletten Geschichte „60 Jahre Mercedes-Benz SL“ bekommst Du auch auf einer besonderen Seite des Herstellers: „60 Jahre SL
(Quelle und Bilder: Daimler AG, „Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse„)

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