Großer Preis von Italien 2014 – Vorschau

Der 13. Lauf der Formel 1-Saison 2014 findet am kommenden Wochenende beim Großen Preis von Italien auf dem Autodromo di Monza statt.

Im Vorfeld wurde wieder einmal belegt, dass Einstein Recht hatte: Alles ist relativ….

2014_36_f1_1Nico Rosberg vs. Lewis Hamilton – Lauda, Wolff, andere Piloten, Hamiltons Zukunft bei Silber

Relativ – so sieht Niki Lauda die Kollision zwischen Rosberg und Hamilton in Spa vor zwei Wochen als „normalen Rennunfall“ an – allerdings auch nur dann, wenn das zwischen Wettbewerbern passiert. Es sei der „falsche Zeitpunkt und der falsche Ort“ gewesen, meint Lauda. Und natürlich – als Aufsichtsratschef wurde er ins Team geholt, um der Marke Mercedes-Benz den WM-Konstrukteurs-Titel zu verschaffen. Und aus seinem Blickwinkel soll dies natürlich so schnell wie möglich erreicht werden – und nicht durch verschenkte Punkte in Gefahr geraten.

Nachdem sich Daimler Chef Zetsche noch in den Konflikt eingeschaltet hatte, wurden die Verantwortlichen und Fahrer noch einmal zum Gespräch gebeten – danach war von „Friedenspfeife“ zu lesen. Rosberg hat nachdem er die Fernsehbilder gesehen hat, von einer „Fehleinschätzung“ gesprochen und die Verantwortung übernommen. Niki Lauda habe sich bei ihm für seine erste öffentliche Reaktion entschuldigt.

Andererseits wurde klar gemacht, dass eine weitere Kollision auf der Strecke nicht toleriert wird – im Ernstfall muss der Hitzkopf das Team verlassen, wird Toto Wolff zitiert.

Eddie Jordan hatte dem Team-Management Versagen vorgeworfen. Nachdem Hamilton in Ungarn die Anweisung ignorierte, Rosberg überholen zu lassen, ohne bestraft zu werden, habe das für die Fahrer signalisiert: „Ok, wir können machen, was wir wollen.“

Zum Thema Stallregie hat unterdessen Mercedes-Benz seine Fans via Twitter befragt. Mit 92% waren die Fans ganz klar dafür, dass die Fahrer weiter frei fahren sollen. Daher wird es wohl keine Stallorder geben, damit man nicht unglaubwürdig wird.

Bis zum Saisonende vertagt hat man indes die Vertragsverhandlungen zwischen Hamilton und Mercedes. Hamilton sagte auf der Pressekonferenz vor Monza, er werde seinen Vertrag erfüllen (bis Ende 2015), über die weitere Zukunft werde man sich am Ende der Saison unterhalten. So sieht es offenbar auch Toto Wolff. Dagegen kocht die Gerüchteküche weiterhin, ob nicht ein Wechsel zu McLaren bevorsteht. Denn mit Honda als Motorenlieferant – und offenbar Geldgeber – sind vielleicht die Mittel vorhanden, einen Top-Star einzukaufen. Hierfür werden neben Hamilton auch Alonso (also, Fernando, der Xabi ist ja jetzt Bayer :-)) und Vettel gehandelt. Alonso wäre allerdings erst Ende 2016 frei, Vettel wie Hamilton Ende der kommenden Saison.

Diese Gespräche dementiert Ron Dennis allerdings, man „sei derzeit nicht in der Position“ einen Top-Fahrer anzuheuern. Andererseits habe man natürlich immer den Anspruch, dass die Besten bei McLaren fahren sollen – das wüssten auch seine Piloten Button und Magnussen. Außerdem respektiere er, Dennis, Verträge. Dann kommt wohl 2015 kein Star-Fahrer zu McLaren – es sei denn, Hamilton räumt Rosberg von der Strecke…dann wäre er ja frei…wenn die Drohungen wahr gemacht werden…

Lustig wäre aber auch eine Neuauflage der Fahrer Paarung Alonso/Hamilton. Lewis könnte dann wohl ein Buch schreiben „Vom Regen in die Traufe…“.

Unterdessen musste auch Toto Wolff noch eine Erklärung abgeben. Nicht nur bei MBSLK (Formel 1 2014) wurde er heftig für seine öffentliche Schelte für Rosberg kritisiert – so kam es auch bei anderen Medien an. Wolff sprach davon, dass man in einem emotionalen Moment eben einfach gesagt habe, was man gedacht habe. Man wollte keine Phrasen wie „das müssen wir uns erst anschauen und in Ruhe…“ abdreschen, man habe Emotion gezeigt. Und Emotionen seinen im Sport wichtig, denn nur deshalb stünde man da, wo man ist. Dass Rosberg die Schuld auf sich genommen habe, zeige seine Größe.

In der Tat sollte man das Duell auch nicht überbewerten. Bei den Teams mit Stern gibt es solche Treffer seit dem Wiedereinstieg mit McLaren immer wieder: David Coulthard gegen Mika Häkkinen, Juan-Pablo Montoya gegen Kimi Räikkönen oder Fernando Alonso gegen Lewis Hamilton, wie Ex-Sportchef Norbert Haug richtig erinnert.

Auch der überwiegende Teil der Fahrer sieht es als Rennunfall. Vettel meinte, dass er das nicht könnte, gezielt den Reifen seines Konkurrenten aufzuschlitzen – das Timing hierfür müsse er erst noch lernen. Anders sieht das Felipe Massa. Er meint, dass es an der Stelle unmöglich war, zu überholen. Er meinte, Rosberg hätte bestraft werden sollen. Naja, lieber Felipe Massa, vielleicht schaust Du Dir die Bilder des Kanada GP 2014 noch einmal an, als Du beim in meinen Augen dümmsten Fahrmanöver der Saison 2014 in der vorletzten Runde Pérez abgeräumt hast…

Was das alles bedeuten mag, werden wir in den kommenden Rennen sehen.

Auch Außerhalb vom Team Mercedes gab es natürlich Neuigkeiten:

Personal Karussell und Gerüchte bei Ferrari

Bei Ferrari soll offenbar an diesem Wochenende Luca die Montezemolo als Chef abgelöst werden, als Nachfolger ist Sergio Mearcchione, Geschäftsführer von FIAT, im Gespräch. Ferrari gehört zu 90% Fiat(Chrysler), 10% gehören Pierro Ferrari.

Interessant ist, dabei, dass der Umbau der Formel 1 Führung damit auch weitergehen konnte. Der in diesem Jahr eilig für Stefano Domenicali berufene Marco Mattiacci möchte offenbar in den Straßenbereich zurück.

Für die Formel 1 soll ein Motorsport-Profi geholt werden – womit der Name Ross Brawn wieder auf der Agenda steht, unter dem Ferrari in Kombination mit Michael Schumacher seine erfolgreichste Zeit erlebte. Brawn war in diesem Jahr schon in Maranello gesehen worden, allerdings sei der Besucht „rein privat“ gewesen. Wir werden sehen…

Hello again Kamui Kobayashi

Ein wiedersehen wird es am Wochenende mit Kamui Kobayashi geben. Er geht für Caterham an den Start. Eigentlich sollte der frühere Mercedes-DTM-Pilot Roberto Mehri das Auto bekommen, die FIA stellt ihm jedoch keine Lizenz aus, weil er im Freitagstraining erstmal zeigen zoll, ob er mit dem Auto umgehen kann. Der für Spa verpflichtete Andre Lotterer verzichtete auf einen Einsatz, da auch er am Freitag mit dem Auto fahren wollte – schließlich ist auch er Neuling. Und so wurde das Cockpit auf die Schnelle mit dem Japaner besetzt, was zumindest die Freunde des gepflegten Drifts erfreuen wird.

Red Bull und Renault haben sich wieder lieb

Nach heftiger Kritik von Seiten des Rennstalls über die fehlende Leistung des Motors und die Gleichbehandlung aller vier belieferten Teams, ist Red Bull nun wieder die erste Geige bei den Franzosen. Einen Sinneswandel hat es wohl gegeben, da Lotus in der kommenden Saison mit Mercedes Power Units antreten wird – die Teams von Torro Rosso und Caterham werden künftig offenbar von Red Bull beliefert und sind damit nicht mehr gleichberechtigt.

Unterdessen ist auch in der Formel 1 die Diskussion um einen Boykott des Russland-GP (12.Oktober) angekommen. Der ehemalige Rallye Weltmeister und FIA Präsidentschaftskandidat Ari Vatanen sprach sich dafür aus, nicht anzutreten. Er fragt, ob es richtig sei, das Regime, dass das „Blutvergießen“ steuert, zu unterstützen.  Absagen könnten den GP die Rechteinhaber, Bernie Ecclestone oder FIA Präsident Jean Todt. Vatanen, der als Vertrauter von Todt gilt, könnte also mal einen „Versuchsballon“ gestartet haben, wie auf den Aufruf reagiert wird. Jean Todt lebt mit Michelle Yeoh in Malaysia und bekanntlich wurde eine malaysische Linienverkehrsmaschine mutmaßlich von prorussischen Kämpfern im Juli abgeschossen – was dort natürlich recht emotional diskutiert wird.

Das also sind die Stimmungen vor dem GP von Monza 2014, über den es jetzt noch ein paar Fakten gibt:

Setup

Auf den Geraden in Monza erleben wir die höchsten Geschwindigkeiten des gesamten Jahres. Dennoch kommt es auf den richtigen Kompromiss zwischen Luftwiderstand und Abtrieb an. Die Fahrer benötigen eine hohe Geschwindigkeit ausgangs der letzten Kurve, der Parabolica. Diese müssen sie entlang der Start-/Zielgeraden bis zur ersten Kurve mitnehmen. Je höher die Geschwindigkeit am Ausgang der Kurve ist und je besser diese mitgenommen wird, desto höher fällt ihr Topspeed auf der Geraden aus. Die neue Hybrid-Formel, die in der Saison 2014 eingeführt wurde, hat mächtige Power Units hervorgebracht. Sie beschleunigen bis zum Ende der Geradendurch. In den vergangenen Jahren ging die Beschleunigungskurve gegen Ende vielleicht etwas zurück. Interessanterweise hat sich bislang in dieser Saison herauskristallisiert, dass der Topspeed nicht unbedingt von der Länge der Geraden abhängt. Stattdessen ist die Geschwindigkeit am Ausgang der vorhergehenden Kurve entscheidend. Bei der Abschätzung der Flügeleinstellungen für Monza ist der Unterschied zwischen wenig und viel Luftwiderstand mit Blick auf die letztendliche Rundenzeit überraschend gering. Natürlich ist eine hohe Geschwindigkeit durch die hohe Anzahl langer Gerade wichtig. Aber der Kurvenausgang der Parabolica sowie die Anforderungen der Ascari- und Lesmo-Kurven verlangen nach einer guten Geschwindigkeit am Scheitelpunkt. Das spricht für mehr Abtrieb. Dadurch entsteht eine spannende Dynamik in Abhängigkeit davon, wo man im Feld fährt. Dies lässt sich nur sehr schwer optimieren und wird dafür sorgen, dass die Fahrer verschiedene Optionen im Training ausprobieren werden. Wenn zwei Fahrzeuge mit gleicher Performance so abgestimmt werden, dass sie auf der Geraden einen Topspeed-Unterschied von 20 km/h vorweisen, wird der Fahrer mit weniger Luftwiderstand stets vorbeikommen. Dies führt oftmals dazu, dass Teams sich für die Variante mit weniger Luftwiderstand entscheiden. So können sie verhindern, im Rennen überholt zu werden.
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Motor

Neben Spa stellt Monza die absolute Spitze bei der Belastung der Motoren dar. Ein Großteil der Runde wird mit Volllast gefahren. Dadurch werden die Motoren hier in einem ganz anderen Arbeitsfenster eingesetzt als auf den meisten anderen Kursen. Sie müssen hohe Belastungen und hohe Umdrehungen für einen verlängerten Zeitraum überstehen. Auf solchen Strecken und zu diesem Zeitpunkt in der Saison könnte dies einen Nachteil für jene Fahrer bedeuten, deren Motorenlebenszyklus sich dem Ende zuneigt.

Reifen

Die vergangenen Jahre sahen eine Mischung aus Ein-, Zwei- und Dreistoppstrategien. In diesem Jahr kommen die harte und die mittlere Reifenmischung zum Einsatz. Das entspricht der gleichen Reifenwahl wie im vergangenen Jahr. Damals startete beinahe das gesamte Feld mit einer Ein-Stopp-Strategie. Der Grund für die Auswahl der beiden härtesten Mischungen ist, dass die Topspeeds mit den neuen Power Units wohl extrem hoch ausfallen werden – möglicherweise bis zu 360 km/h. Gleichzeitig werden diese für einen langen Zeitraum aufrechterhalten. Um diesen Kräften standzuhalten, kommen die beiden haltbarsten Reifenmischungen zum Einsatz. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Wichtigkeit der Traktion, besonders ausgangs der Kurven zwei und fünf. Die Folge dessen sind oftmals Überholmanöver. Diese Charakteristik belastet jedoch auch die Hinterreifen stark. Gleichzeitig werden die Vorderreifen relativ wenig beansprucht. Sie werden allerdings recht lange durch den Luftfluss auf den Geraden abgekühlt. Somit ist es schwierig, die Vorderreifen auf Temperatur zu halten. Aus diesem Grund fahren die Piloten vor allem im Qualifying gerne Schlangenlinien.

Kerbs

In Monza kommt es darauf an, dass die Autos gut über die Kerbs fahren können. Das gilt ganz besonders in den Schikanen in den Kurven eins/zwei sowie vier/fünf. Die Anpassung daran sollte die Performance des Autos auf der restlichen Strecke nicht beeinflussen. Wer jedoch eine Abstimmung für die Aufhängung findet, die am besten mit den Kerbs harmoniert, kann im ersten Sektor viel Zeit gutmachen. Der erste Teil der Runde verlangt nach einem guten Topspeed auf der Geraden. Er wird jedoch mehr davon beeinflusst, wie stark der Fahrer über die Kerbs fahren kann.

Überholen

Mit Blick auf das Überholen ist Monza eine der einfacheren Strecken im Rennkalender. Die Autos sind jedoch beim Anbremsen von Kurve eins absolut am Limit. Hier wirken mit die höchsten längslaufenden g-Kräfte aller Strecken. Aus diesem Grund kommt es in der ersten Kurve oft zu Fahrfehlern. Das gilt insbesondere zu Beginn des Wochenendes. Dies ermöglicht es Fahrern, sich vom Ende bis an die Spitze des Feldes vorzukämpfen. Der DRS-Effekt ist in Monza viel geringer als auf anderen Strecken. Da die Autos ohnehin schon ein Setup mit geringem Downforce besitzen, fällt durch den Einsatz von DRS auch die Verringerung des Luftwiderstands am Heckflügel geringer aus.

Safety Cars

Die Safety Car-Wahrscheinlichkeit ist in Monza sowohl im Nassen als auch im Trockenen relativ hoch. Das Safety Car kam zuletzt in den Jahren 2007, 2008, 2009 und 2011 zum Einsatz. In den vergangenen beiden Jahren gab es keinen SC-Einsatz. Dennoch sind Zwischenfälle aufgrund der Streckencharakteristik nicht unüblich, und zwar sowohl mit Blick auf die Rennaction als auch auf die Zuverlässigkeit. Wie bereits erwähnt sind die Anforderungen an die Reifen und die Motoren extrem hoch. Dies führt zu einer erhöhten mechanischen Ausfallquote. Ein weiterer Grund ist die Hauptüberholstelle in der ersten Schikane. Die Fahrer bremsen hier aus sehr hohen Geschwindigkeiten für eine sehr enge Rechtskurve ab, die um mehr als 90 Grad abknickt. Danach geht es ähnlich scharf nach links. Um hier überholen zu können, muss der Fahrer von seinem Angriff voll überzeugt sein. Denn die Autos befinden sich hier beim Bremsen am absoluten Limit. Das führt oft zu Zwischenfällen.

Wetter

Die Wetterbedingungen sind in Monza normalerweise konstant. Die Lufttemperaturen bewegen sich im Normalfall rund um die 25 Grad. Die Streckentemperaturen sind in einem ähnlich normalen Bereich angesiedelt. Die Kühlung sollte somit kein Schlüsselfaktor sein. Es gibt allerdings saisonale Schwankungen, die in Monza Einfluss nehmen können. Ein Großteil der Strecke führt an Bäumen vorbei. Angesichts des Termins im September können recht viele Blätter auf der Strecke liegen. Diese können sich in den Kühlern in den Seitenkästen ansammeln. Das könnte wiederum dazu führen, dass die Temperatur um ein paar Grad ansteigt. Aus diesem Grund kann es oft dazu kommen, dass die Boxenstopps vorgezogen werden müssen, um die Kühler zu säubern. Durch die Bäume trocknet die Strecke an bestimmten Stellen auch langsamer ab als der Rest des Kurses. Das gilt vor allem für die Lesmo-Kurven. Dort müssen die Fahrer vor allem auf ihren ersten Runden mit Slicks genau aufpassen.

Fans

Ein herausstechender Aspekt in Monza sind stets die Fans. Sie zelten rund um die Strecke und genießen die Atmosphäre bis spät in die Abendstunden. Sie mögen eine gewisse Vorliebe für ein ganz bestimmtes Team haben, aber es gibt keine Feindseligkeiten. Stattdessen mögen sie die Formel 1 im Allgemeinen, die einen wichtigen Teil ihres Lebens darstellt. Für sie zählt nicht, ob ein Team Erster oder Letzter ist. Die Fans interessieren sich für die Show und sorgen für eine fantastische Atmosphäre.
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(Quelle: Eigene Recherche, Fakten und Bilder: Daimler AG, „GP Monza 2014 Vorschau„)

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