03. Juni – vor 80 Jahren: Der Sieg des Mercedes-Benz W 25 begründet den Mythos der Silberpfeile

Es ist eine Premiere in Silber und sie endet mit Gold: Das erste Rennen der völlig neu entwickelten Mercedes-Benz Rennwagen W 25 am 3. Juni 1934 auf dem Nürburgring gewinnt Manfred von Brauchitsch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 122,5 km/h – das ist ein neuer Streckenrekord.

Fast wird der Sieg jedoch von der Sensation überstrahlt, dass der neue Mercedes-Benz Rennwagen mit silbern glänzender Aluminiumkarosserie statt dem klassischen Rennweiß an den Start geht.

Aber warum eigentlich Weiß?

Das geht zurück auf den Gordon-Benett-Cup, der in den Jahren 1900 bis 1905 ausgetragen wurde. Hier durften Autos teilnehmen, die alle Stufen der Fertigung in einem bestimmten Land durchlaufen hatten, drei Fahrzeuge je Nation waren zugelassen.
Wie heute beim Eurovision Song Contest war der Gewinner für die Ausrichtung im Folgejahr zuständig. Da Großbritannien der Ausrichter 1903 war, aber keine Genehmigung für das Rennen bekam, wich man nach Irland aus – was für die Farbenlehre noch wichtig wird….

Um die Autos unterscheiden zu können, traten die Teams in unterschiedlichen Farben an: Frankreich in blau, England wegen des Heimrechtes in Irland in grün („british racing green“), Italien, man errät es kaum, in rot (Rosso corsa), und Deutschland eben in weiß, was vermutlich von den Farben Preußens (weiß/schwarz) und der Flagge des Deutschen Kaiserreiches (schwarz-weiß-rot) geschuldet ist.

Dem Kaiserreich ist wohl auch die Kombination mit roten Nummern geschuldet, so dass sich durch Auto, Reifen und Nummer die Farben schwarz-weiß-rot ergeben.

Und da wir es ab nächster Woche wieder sehen – auch die Farbe der deutschen Nationaltrikots im Fußball und in fast allen anderen Sportarten haben ihren Ursprung hier – denn diese Rennserie liegt vor dem ersten offiziellen Länderspiel.

Der Legende nach ändert sich die Farbe im Motorsport in der Nacht vor dem Rennen durch Abschleifen des Lacks, um das Startgewicht des W 25 in die Grenzen des Reglements zu bringen.

Das Reglement verlangte ein Maximalgewicht von 750 KG (ohne Fahrer, Kraftstoff, Reifen, Wasser und Öl), um leichtere und schwächere Autos zur erzwingen. Da der Mercedes W 25 am Tag vor dem Rennen noch zu schwer war (751 KG), wurde ihm der weiße Rennlack abgeschliffen. Der Ausspruch des Rennleiters nach dem Wiegen, „nun sind wir die Gelackmeierten“, soll den Fahrer Manfred von Brauchitsch auf die Idee gebracht haben, den Lack zu entfernen – so will es die Legende.

Im 1958 erschienenen Erinnerungsband „Männer, Frauen und Motoren“ beschreibt Neubauer die nächtliche Szene an der Box: „Die ganze lange Nacht schrubben die Mechaniker den schönen weißen Lack von unseren Silberpfeilen. Und als sie morgens nochmals auf die Waage kommen – da wiegen sie haarscharf 750 Kilo.“

Über diese Legende wird immer wieder gestritten, Manfred von Brauchitsch bestätigte sie ebenfalls kurz vor seinem Tod in einem Interview, andererseits würden zeitgenössische Bilder belegen, dass der Wagen von Anfang an silber war – auf jeden Fall war es für Mercedes-Benz der Beginn einer Legende – und für den deutschen Motorsport ein Farbenwechsel: Denn auch die Auto Union kam 1934 mit der Rennfarbe silber an den Start. Seither ist die deutsche Rennfarbe silber mit roter Nummer (wie man heute wieder sieht).

Premiere, Sieg und Streckenrekord: Das Internationale Eifelrennen am 3. Juni 1934 steht durch Manfred von Brauchitsch beginnt eine einzigartige Erfolgsserie, die der W 25 und die folgenden Mercedes-Benz Silberpfeile bis zum Jahr 1939 aufstellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpft Mercedes-Benz an diese glänzenden Erfolge zunächst in der Saison 1952 mit Sportwagenrennen und ab 1954 dann mit zwei Formel-1-Weltmeisterschaften in Folge erfolgreich an.

Der Mercedes-Benz 750-Kilogramm-Rennwagen W 25

Start zum Internationalen Eifelrennen auf dem Nürburgring, 3. Juni 1934
Start zum Internationalen Eifelrennen auf dem Nürburgring, 3. Juni 1934

Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise – das Jahr 1932 ist kein günstiger Hintergrund für Motorsport-Aktivitäten in Deutschland. Selbst die Werksrennabteilung von Mercedes-Benz, deren Kompressor-Tourenwagen der Typen K, S, SS, SSK und SSKL den europäischen Motorsport Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre dominiert haben, ist geschlossen.

Doch es gibt eine Perspektive für die Zukunft. Denn im Herbst 1932 gibt die Motorsportbehörde AIACR (Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus) in Paris eine neue Formel für den Grand-Prix-Rennsport bekannt, die 1934 in Kraft tritt: Die Wagen dürfen ohne Kraftstoff, Öl, Kühlmittel und ohne Reifen maximal 750 Kilogramm schwer sein, darüber hinaus sind den Konstrukteuren keine Grenzen gesetzt. Mercedes-Benz entscheidet 1933, für die neue Formel einen völlig neuen Rennwagens zu entwickeln. Zum Rennteam von 1934 werden Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, Luigi Fagioli, Hanns Geier und Ernst Henne gehören.

Sicherlich begünstigt der von den Nationalsozialisten erhoffte Imagegewinn von Rennsiegen diese Entscheidung, „Hitlers Rennsemmeln“ lieferten jedoch – sowohl der Mercedes von Manfred von Brauchitsch als auch die Auto Union mit Bernd Rosenmeyer.

Die AIACR will mit der 750-Kilogramm-Formel die Geschwindigkeiten der Rennwagen im Vergleich zur vorherigen Generation begrenzen: Die Regelhüter gehen offenbar davon aus, dass in einem leichten Fahrzeug nur kleine Motoren mit geringer Leistung montiert werden können. Doch die Funktionäre haben den Fortschritt der Technik unterschätzt: Der in Stuttgart für die neue Formel entwickelte W 25 ist ein überaus leistungsfähiger Rennwagen. Und alleine in der Zeit der 750-Kilogramm-Formel bis 1937 wird sich die Motorleistung der Mercedes-Benz Rennwagen durch kontinuierliche Weiterentwicklung fast verdoppeln und bis maximal 475 kW (646 PS) ansteigen.

Ein starker Siegertyp

Der W 25 mit Frontmotor scheint im Vergleich zum Mittelmotorwagen der Auto Union relativ konservativ konzipiert. Doch die Kombination aus einer schlanken Karosserie, mechanisch aufgeladenem 3,4-Liter-Reihenachtzylindermotor, einzeln aufgehängten Rädern und Getriebe direkt auf der Hinterachse ergibt einen absoluten Siegerwagen. Das zeigt sich schon bei den ersten Versuchsfahrten ab Februar 1934 in Monza sowie auf der Autobahn zwischen Mailand und Varese. Hier erreicht der 235 kW (320 PS) starke Wagen (später 260 kW/354 PS mit einem neuen Treibstoffgemisch) Spitzengeschwindigkeiten bis zu 280 km/h.

Beim Start setzen sich die beiden Mercedes-Benz Formel-Rennwagen W 25 mit Manfred von Brauchitsch (1. Platz) und Luigi Fagioli am Steuer sofort an die Spitze des Feldes
Beim Start setzen sich die beiden Mercedes-Benz Formel-Rennwagen W 25 mit Manfred von Brauchitsch (1. Platz) und Luigi Fagioli am Steuer sofort an die Spitze des Feldes

Das Internationale Eifelrennen auf dem Nürburgring ist eine der großartigsten Motorsportveranstaltungen der Saison 1934. An diesem Junitag wird deutlich, welche Rolle Automobilrennen als Massenphänomen spielen. Manfred von Brauchitsch erinnert sich in seinen 1964 erschienen Memoiren „Ohne Kampf kein Sieg“ an den Strom der Zuschauer, die zum Nürburgring pilgern: „Viele Sonderzüge brachten die Menschen in das kleine Eifelstädtchen Adenau. Tausende von Motorrädern, Omnibussen und Lastwagen schlängelten sich auf den Landstraßen zum Nürburgring. Aus Frankfurt, Düsseldorf und Köln, aus dem ganzen Ruhrgebiet, aus München, Hamburg und Berlin strömten die Menschen zu der mit Spannung erwarteten Schlacht der Motoren in die Eifel. 200.000 Zuschauer säumten die Strecke. Neben den Kurven am Hatzenbach, am ‚Karussell‘, der ‚Fuchsröhre‘, im Tal von Wehrseifen oder am ‚Schwalbenschwanz‘ zelteten viele schon in der Nacht zuvor und sicherten sich einen guten Platz.“

Am Nachmittag gegen 15 Uhr senkt sich die Startflagge. Geplant ist der Start der Rennwagen eigentlich für 13 Uhr, im Anschluss an zwei Läufe für Motorräder. Doch wegen des schlechten Wetters beginnt der Wettbewerb der Rennwagen verspätet. Mercedes-Benz ist mit zwei Fahrzeugen vertreten: Von Brauchitsch hat die Startnummer 20, und mit dem Rennwagen Nummer 22 startet Fagioli. Insgesamt besteht das Feld aus 44 Fahrzeugen. Fagioli und von Brauchitsch setzen sich auf W 25 früh an die Spitze, gefolgt von Hans Stuck (Auto Union) und Louis Chiron (Alfa Romeo). Nachdem Fagioli in der 14. Runde – der vorletzten – ausfällt, fährt von Brauchitsch den Sieg für Mercedes-Benz ins Ziel, gefolgt von Stuck und Chiron.

Der kometenhafte Aufstieg der Silberpfeile

Der Sieg beim Internationalen Eifelrennen ist der Auftakt für ein ganzes Konzert der Siege und Podiumsplatzierungen: Auf Mercedes-Benz W 25 gewinnen die Rennfahrer der Werksmannschaft im Jahr 1934 das Internationale Klausenrennen (Caracciola), die Coppa Acerbo in Pascara (Fagioli), den Großen Preis von Italien (Caracciola/Fagioli) und den Großen Preis von Spanien (Fagioli). Dazu kommen zahlreiche weitere Top-Platzierungen.

Für Manfred von Brauchitsch bleibt der 1. Platz im Eifelrennen der einzige Sieg der Saison 1934. Dominiert wird der Erfolg des W 25, der bis 1936 bei Grand-Prix-Rennen an den Start geht, stattdessen von Rudolf Caracciola. In der Saison 1935 gewinnt Caracciola am Steuer des W 25 insgesamt sechs Grands Prix, drei weitere Siege erzielt Fagioli. 1935 wird Rudolf Caracciola Europameister, nachdem er bereits die Deutsche Meisterschaft errungen hat. Nachdem die Rennwagen der Auto Union die Grand-Prix-Saison 1936 dominieren, entwickelt Mercedes-Benz für 1937, das letzte Jahr der 750-Kilogramm-Formel, den neuen Silberpfeil W 125. Mit diesem Fahrzeug gewinnt Caracciola erneut die Europameisterschaft.

Manfred von Brauchitsch

Geboren am 15. August 1905 in Hamburg Gestorben am 5. Februar 2003 in Gräfenwarth bei Schleiz, Thüringen

Manfred von Brauchitsch wird in eine Familie mit ausgeprägt militärischen Wurzeln geboren, doch er widmet sich intensiv dem Motorsport. Mit Hilfe betuchter Gönner fährt er Sportwagen von Mercedes-Benz – und das sehr erfolgreich. Zwischen 1934 und 1939 tritt er schließlich als Werksfahrer im Zeichen des Sterns an. Höhepunkte seiner Laufbahn neben dem Einstand mit dem W 25 beim Eifelrennen 1934 sind die Siege beim Großen Preis von Monaco 1937 und beim Grand Prix von Frankreich 1938. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt Manfred von Brauchitsch in der damaligen DDR. Er ist lange Jahre als Präsident der Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens aktiv. Mit der erneut veränderten Situation nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 tut er sich schwer, es wird bis zu seinem Tode sehr still um ihn.

Luigi Fagioli

Geboren am 9. Juni 1898 in Ósimo (Italien) Gestorben am 20. Juni 1952 in Monte Carlo (Monaco)

Luigi Fagioli wird 1898 in der Nähe von Ancona geboren. Als Rennfahrer ist er, den seine Freunde liebevoll „der alte Abruzzenräuber“ nennen, ein Spätentwickler. Erst mit 28 Jahren fährt er sein erstes Rennen, 1930 gewinnt er erstmals – bei der Coppa Principe di Piemonte in einem Maserati. 1933 wird Fagioli italienischer Meister auf Alfa-Romeo. Er zeichnet sich hinter dem Lenkrad durch Beständigkeit und Einsatzfreude aus. Diese Eigenschaften bringen ihm eine Einladung in die Mercedes-Benz Werksmannschaft für 1934 ein. Fagioli revanchiert sich mit den beiden Grand-Prix-Siegen in Monza (zusammen mit Rudolf Caracciola) und im spanischen Lasarte und sattelt 1935 noch einmal drauf mit Platz eins beim Saisonauftakt in Monaco. Erfolge bei der Coppa Acerbo in Pescara (1934) und auf der Avus (Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße) in Berlin (1935) sowie in Barcelona (1935) untermauern die Richtigkeit der Wahl. 1936 läuft sein Vertrag aus. Danach fährt er für Auto Union, nach dem Zweiten Weltkrieg für Alfa Romeo. Dort zählt er zu den „drei großen F“, Fangio, Farina und Fagioli, die 1950 und 1951 Formel-1-Erfolge im Wesentlichen untereinander ausmachen. Beim Training zum Grand Prix von Monaco 1952 kollidiert er mit einer steinernen Balustrade. Drei Wochen nach dem Unfall stirbt „der alte Abruzzenräuber“.

(Quelle und Bilder: Daimler AG, „80 Jahre Silberpfeil„)

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